Rückblickend betrachtet habe ich wohl nie soviel Zeit im Proberaum verbracht wie in diesem Jahr. Gleichzeitig war ich auch nie weniger an den Instrumenten tätig.
Die ersten Monate war ich noch voll mit dem Endspurt meiner nächsten CD “Vie Noir” beschäftigt, bis dann mein kleines Tonstudio im wahrsten Sinne des Wortes innerhalb von wenigen Minuten den Bach runterging. Das waren wohl bisher mit die schmerzhaftesten Minuten meines Lebens, schließlich habe ich das ganze Ding in jahrelanger Kleinarbeit mühsam aufgebaut, fast jede freie Minute und jeden übriggeblieben Euro da reingesteckt. In elf Jahren kommt da einiges zusammen, was nach dieser Unwetternacht erstmal weg war.
Glücklicherweise kam es dann doch nicht so schlimm, wie zunächst befürchtet. In den elf Jahren habe ich mir schließlich auch recht viel technisches Wissen aneignen können und so war es mir möglich, mein komplettes Equipment zu zerlegen, zu reinigen und letztendlich bis auf ganz wenige Ausnahmen zu retten. Leider ging in dieser Nacht mein Fotoapparat kaputt, so daß es keine Bilder von diesen Reparaturarbeiten gibt. Sehenswert wäre es schon gewesen, wie sich überall auf dem Fußboden, Kisten, geliehenen Tapeziertischen, überhaupt jeder freien Fläche die Platinen der Mischpulte, Effekte, Synthesizern und Verstärker stapelten. Das war eine Zeitlang kein Proberaum oder Tonstudio mehr sondern hatte mehr Ähnlichkeit mit einer Elektrowerkstatt oder einer Entsorgungsstelle für Elektroschrott.
Aber: ich habe es geschafft, daß Zeugs zu retten und das hätte ich mir selber gar nicht zugetraut. Darauf bin ich heute schon ein bischen stolz
Äußerst unschön war auch der Moment, in dem mein Ex-Vermieter seinen wahren Charakter zeigte. Das kam zwar nicht völlig unerwartet, denn schon in der Vergangenheit war Polen offen, sobald der Kerl an einem Musiker kein Geld mehr verdient. Diese Erfahrung durfte ich nun also auch machen und die werde ich so schnell nicht vergessen. Dieses §$%&?# kann mir in Zukunft mal im Mondschein begegnen.
Andererseits konnte mir dieser Dummkopf nicht wirklich ans Bein pinkeln und trotz mehrfacher Versuche, mich bei meinem neuen Vermieter madig zu machen (die Versuche laufen nebenbei immer noch), besteht ein recht gutes Verhältnis zu dem neuen Vermieter – auch wenn ich mich hier manchmal beobachtet vorkomme bzw. ausgefragt werde. Aber ich habe ja nichts zu verbergen und deshalb darf das auch so sein – solange es mich nicht vom Musikmachen abhält. Mich freut es ja auch immer, wenn sich jemand für mein Hobby interessiert.
Dieses Thema kann ich also auch zu meiner Zufriedenheit beenden und ich weiß, daß sich darüber jemand etwas ärgert. Dieses Wissen ist übrigens weitaus befriedigender als es ein kleiner Rachefeldzug, zu dem ich stellenweise durchaus Lust hatte.
Nach diesem Desaster und dem damit verbundenen Umzug in den neuen Proberaum bestand also etwas mehr als die zweite Hälfte des Jahres darin, den neuen Proberaum einzurichten. Ich habe in diesem Zusammenhang festgestellt, daß eine gute Kabeldokumentation von unschätzbaren Vorteil ist. Das merkt man vor allem dann, wenn man diese nicht hat.
Das ist nun also ein Vorsatz für das nächste Jahr. Jetzt wo ich weiß, in welche Buchse welcher Stecker gehört, kommt an jedes Kabelende eine aussagekräftige Beschriftung. Bei einer Gesamtlänge von deutlich über 500 Metern Kabel lohnt sich das.
Einige Kleinigkeiten fehlen noch, ein paar Sachen sind improvisiert und diese werden in naher Zukunft bei Gelegenheit abgearbeitet. Es sind aber nur Kleinigkeiten, die eher unter die Rubrik “Nice-to-have” fallen. Eine gemütliche Sitzgelegenheit wäre zum Beispiel schön…
Leider sind durch den Wasserrohrbruch die Arbeiten an “Vie Noir” vollständig zum Erliegen gekommen und einige Songs sind wohl auch verloren, da sie sich zum Teil auf der falschen Festplatte befanden (nämlich die, die durch Wasser an den falschen Stellen etwas zu viel Strom abbekommen hatte). Zwar mache ich regelmäßig Sicherungskopien aber in diesem Fall war ich gerade am Umschreiben des Arrangements und hatte diese Sicherungskopie verschoben, da es noch nicht viel zum Sichern gab. Nun, so ist es jetzt eben.
Auch wenn ich die ganzen Blödeleien am Getränkeautomaten im alten Proberaum etwas vermisse, so ist es hier doch ein paar Klassen besser. Um die Probezeiten der Nachbarn brauche ich mir keine Gedanken mehr zu machen und kann mich hier nach Herzenslust austoben. Dabei störe ich noch nicht mal andere. Das ist alles in allem schon eine sehr große Verbesserung.
Und so kann ich diesem verrückten Jahr doch noch etwas Positives abgewinnen. Wenn mir das jemand vor einem halben Jahr gesagt hätte, hätte ich die betreffende Person in die Klappsmühle einweisen lassen…