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// Die quietschende Tür

Mein Proberaum besteht aus zwei Räumen. Das ist ziemlich praktisch: in dem einem Raum stehen die Instrumente und dort spiele ich die Instrumente ein. Im anderen Raum steht alles, was ich zum Aufnehmen brauche und was Lärm macht. Also in erster Linie Computer und der Kühlschrank.
 
So habe ich mir den Bau einer Gesangskabine erspart: in dem Aufnahmeraum ist quasi Totenstille und kein Geräusch stört die Aufnahme. Was insbesondere wichtig ist, wenn ich über Mikrofon aufnehme: also Gesang, Saxophon, Geige, ggf. Gitarre oder Baß. Also eigentlich fast alles.
 
Diese beiden Räume sind durch eine Tür getrennt. Und die quietscht. Schon seit zwei Jahren. Das quietschen wurde in diesen zwei Jahren auch immer lauter.
 
Es war nur eine Frage der Zeit, bis dieses Quietschen in einem Song verwendet wird. Nun: diese Idee habe ich schon seit geraumer Zeit, aber erst heute, als eine befreundete Sängerin da war, gab es einen Anlaß, diese Idee endlich umzusetzen.
 
Ich dachte ursprünglich ja eher an einen Song, der als Soundtrack für einen Horrorfilm dienen könnte, aber der Song der Sängerin lässt auch eine andere Möglichkeit zu: am Ende eines Beziehungsstreits gibt es noch ein Wortgefecht und eine Person (in diesem Fall die Sängerin) rennt keifend schimpfend raus und knallt die Tür zu.
 
Diese Szene haben wir also auch generalstabsmäßig geplant:
 
Wir haben getestet…

  • … wo man das Quietschen der Tür am besten aufnehmen kann (am oberen Scharnier der Tür)
  • … wo man die zuknallende Tür am Besten aufnimmt (in der Nähe der Türklinke)
  • … wie wir das ganze am besten koordinieren (wir waren zu dritt: die Sängerin, ihr Freund, der kurzerhand zum Tonassistenten zwangsverpflichtet wurde und die ehrenvolle Aufgabe hatte, das Mikrofon zur richtigen Zeit an die richtige Stelle zu halten)
  • Zum Schluß haben wir noch Gitarren zur Seite geräumt, Stühle in den Hof gestellt, Bierflaschen weggeräumt und alles andere, was runterfallen kann und/ oder kaputtgehen kann an einem Ort platziert, wo das eher nicht passieren wird.
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    Dann kam der große Moment. Die minutiös geplante Aufnahme konnte beginnen: die Sängerin flucht ins Mikrofon wie ein Dachdecker und rennt anschließend zur Tür, der Tonassistent hechtet hinterher, während die Sängerin gleichzeitig versucht, nicht über das Mikrofon-Kabel zu stolpern, und ich… nun, ich sitze ganz entspannt in meinem Sessel, trinke einen Schluck Bier, beobachte die Pegel und das bunte Treiben um mich herum und bin jederzeit bereit, die Lautstärke abzusenken bzw. anzupassen. Aber ich habe alles in allem einen relativ ruhigen Job. Meine Hauptaufgabe ist es, die Aufnahme zu starten und zu stoppen, wenn das ganze Spektakel vorüber ist.
     
    Dieser Job wurde noch sehr viel ruhiger als uns allen lieb war: diese gottverdammte Tür hat nämlich urplötzlich beschlossen, das erste Mal seit zwei Jahren nicht mehr zu quietschen.

    // Spießig?!

    Über das verlängerte Wochenende eine größere Radtour (Fotos dazu gibt es übrigens auf meinem Fotoblog gemacht und bei dieser Gelegenheit einen ehemaligen Bandkollegen spontan besucht. Mit dem habe ich vor 5 – 10 Jahren fast jede freie Minute im Proberaum oder auf dem Fahrradsattel verbracht und die Mengen Bier, die wir zusammen schon abgepumpt haben, passen auf keine Kuhhaut.
     
    Den Kerl wiederzusehen war ungefähr das gleiche Gefühl, wie ein uraltes, ausgelatsches Paar arschbequeme Turnschuhe anzuziehen: auch wenn wir uns heute leider nur noch selten sehen, so war es doch so, als ob wir uns das letzte Mal gerade erst gestern auf ein Bier getroffen hätten und das Gespräch vom Vortag einfach nur fortsetzen.
     
    Eines ist aber anders geworden: der Kerl ist bürgerlich geworden. Könnte daran liegen, daß er zwischenzeitlich Familienvater geworden ist.
     
    Früher war es so, daß wir einfach in die Wohnung reingelatscht sind, uns irgendwo auf einen freien Platz hingeflätzt haben und alle relevanten Möglichkeiten der Freizeitgestaltung (sei es eine spontane Jamsession oder eine Radtour oder…) gemütlich ausdiskutiert haben.
     
    Heute war dies anders: an der Wohnungstür wurde mir ein Paar blau-rot-karierte Hausschuhe überreicht mit der Bitte, diese doch anstatt meiner outdoor-tauglichen Straßentreter in der Wohnung zu tragen.
     
    WTF?!
     
    Mein Gesichtsausdruck spiegelte offenbar auch sehr deutlich dieses “WTF?!” wider – denn es folgte ein längerer Vortrag über die Vorteile von Hausschuhen und den damit vermiedenen Dreck in der Wohnung.
     
    Dieser Vortrag endete mit dem Satz: “Ab einem gewissen Alter wird einem klar, daß sich die Anschaffung von manchen Dingen einfach lohnt. Wenn man zum Beispiel jeden Tag frühstückt – was Du ja nicht machst – dann lohnt sich die Anschaffung von einem Teller, einer Tasse und Besteck.”
     
    Seitdem grübele ich darüber, ob ich überhaupt einen Teller oder gar Besteck habe und was es über meine Lebensweise aussagt, wenn ich mir gerade überlege, die zwölfte E-Gitarre zu kaufen…?
     
    Beruhigend fand ich es dann doch, daß er mit den Hausschuhen im Garten rumgelaufen ist (ich habe die karierten Hausschuhe an der Terassentür abgestellt und bin barfuß im Garten rumgelaufen. Man beachte: ich respektiere die Wünsche zur Dreckvermeidung in der Wohnung meines Gastgebers und sammel stattdessen die Erde des Gartens in den Hausschuhen) und als ich auf dem gemauerten Grill (noch so ein WTF-Moment: früher reichte uns einfach ein Holzhaufen am Flußufer) ein paar vertrocknete Würste – die nebenbei erwähnt aufgrund ihres Alters aussahen wie Syphilis im Endstadium – vom Vorjahr fand, war die Welt wieder irgendwie in Ordnung. Hat der Kerl doch nicht alle schlechten Angewohnheiten verlernt.

    // Rocker trifft drei Hüpfhopser

    Daß ich die Musik im Allgemeinen und Besonderen für ein tolles Hobby halte, hat sich nicht nur in der Bloggerszene herumgesprochen. Auch im Bekanntenkreis wissen davon einige Leute und manchmal, wenn der Nachwuchs entsprechende Ambitionen hat, werde ich auch um einen “Crashkurs” gebeten.
     
    Nachwuchsmusiker unterstütze ich natürlich gerne – selbst dann, wenn es Hüpfhopser sind. Die Musik ist ja schließlich ein toller Zeitvertreib.
     
    Diese Hüpfhopser, die dann bei mir im Proberaum standen, waren noch jung. Sehr jung, um genau zu sein. Und ausgesprochen “uncool” und szeneuntypisch: ich wurde nämlich nicht mit “Alter” oder “Wichser” angeredet, sondern mit “Sie”. Großgeschrieben und übertrieben höflich. Damit gehören sie eindeutig zur Gattung der “zivilisierten Hüpfhopser“.
     
    Diese drei Jungs, die kurz vor dem Stimmbruch standen, habe ich aufgrund meiner Erfahrungen mit anderen Hüpfhopsern einfach mal in dem Glauben gelassen, daß ein “Sie” (großgeschrieben und übertrieben höflich) unter Musikerkollegen das Normalste auf der Welt ist. (Ich habe die drei Kids natürlich fleißig geduzt. So wie das unter Musikerkollegen absolut normal und üblich ist… also quasi in deren Augen danebenbenommen. Das steht mir nach meinen Erfahrungen mit Hüpfhopsern mittlerweile auch zu – wie ich finde :mrgreen: )
     

    Zwei Welten prallen aufeinander

     
    Nicht nur musikalisch waren diese eineinhalb Stunden ein Erlebnis. Bei dem Altersunterschied prallen auch zwei Generationen aufeinander, die sich außerhalb der Proberaumwelt eher nicht begegnen würden.
     
    Für mich “alten Hasen” ist es selbstverständlich, daß ich meinen Kram selber einspiele oder die Hilfe von Gastmusikern in Anspruch nehme. Wenn das alles nicht klappt, wird notfalls wird eben ein Instrument dazugelernt.
     
    Für die junge Generation ist es aber offenbar völlig normal, alles aus dem Internet runterzuladen, um es anschließend zu einem “eigenen” Song zu verwurschten. Mit “alles” meine ich komplett durcharrangierte Instrumentalparts bestehend aus Schlagzeug, Baß, Keyboard und Gitarre.
     
    Für mich nicht völlig neu und aus der Szenegerüchteküche durchaus bekannt – aber eben noch nie so hautnah miterlebt. Und wieder einmal durfte ich feststellen, daß ich ein alter Sack bin…
     
    Letztenendes ist diese Vorgehensweise vielleicht auch ein interessanter Aspekt, der erklärt, warum es viele Leute der nachfolgenden Generation gibt, die das “geistige Eigentum” für eine Erfindung der Plattenlabels und Verwertungsgesellschaften halten. Ich kenne die Arbeit und den technischen Aufwand dahinter. Ich mache meine Beats schließlich auch selber. Für die nachfolgende Generation ist das einfach nur ein oder höchstens zwei Mausklicks entfernt.
     
    Der Nachteil ist allerdings offensichtlich: irgendeine Band bei Hintertupfingen verfügt ebenfalls über eine Internetanschluß und im Endergebnis hat man zwei gleiche Songs mit unterschiedlichen Texten.

    Mich stimmt das etwas wehmütig – dieses Erfolgserlebnis, einen schwierigen Gitarrenpart (oder was auch immer) endlich zu beherrschen oder sich auf einem Instrument weiterentwickelt zu haben, geht dieser Generation doch völlig verloren, oder?
     
    Andererseits besteht immerhin die vage Hoffnung, von der nächsten Generation der Hüpfhopser einigermaßen respektvoll behandelt zu werden und später – wenn ich wirklich alt und klapprig bin – über die Straße gebracht zu werden. Immerhin.
     
    So wie vor einiger Zeit mehrfach beschrieben kann das ja mit den Hüpfhopsern nicht weitergehen;-)

    // Setzen, 6!

    Die Volksverblödungskiste lehne ich ja bekanntermaßen komplett ab. Manchmal bekomme ich aber doch etwas mit, was sich so allabendlich im Unterschichtenfernsehen abspielt. Und jedesmal kriege ich auf gut deutsch gesagt das große Kotzen.

    Da gibt es also sogenannte Castingshows, die sich fernab jeder Musiker-Realität bewegen und mich jedesmal erfolgreich auf die Palme bringen, wenn ich sehe, nach welchen Kriterien ein Musiker “weiterkommt”.
    Castings im Allgemeinen sind ja grundsätzlich nichts Schlechtes und finden mit schöner Regelmäßigkeit auch bei mir statt – nämlich immer dann, wenn ich mit einem Instrument nicht weiterkomme und die Hilfe eines Gastmusikers brauche.

    Aber so, wie ich das bei Dangerblood lesen durfte, läuft das hier nicht ab.

    In dem erwähnten Blogeintrag geht es um diesen Teilnehmer:

    Herr Bohlen schwadroniert erst mal minutenlang über das Übergewicht und die Eßgewohnheiten des Teilnehmers.
    Nun, im realen Proberaumalltag sind derartige Fragen nicht ungewöhnlich, beziehen sich aber meist auf Flüssignahrung. Schließlich ist nichts ärgerlicher, wenn während der Bandprobe plötzlich das Bier alle ist. Ein ausreichender Vorrat sollte bei solchen Treffen schon da sein und das fällt unter die Rubrik Supply Chain Management.

    Mir stellen sich bei diesem Gefasel der Juroren zwei Fragen: sucht Herr Bohlen ein Model für angehende Schneiderkünste und will er Stoff sparen oder sucht er einen Sänger? Und: hat der noch nie etwas von großartigen Sängern wie Meat Loaf gehört?

    Nach dem Song geht die inkompetente Kritik weiter. Wieder ist das Übergewicht ein Thema, aber es wird auch von allen drei selbsternannten Juroren kritisiert, daß der Song zu persönlich sei.

    Gehts noch?! Ein Song sollte immer persönlich sein. Mir fehlt das Persönliche in dem Charteinheitsbrei. Letzlich werden die ganzen Songs nur von einer handvoll Leuten geschrieben und im Nachhinein wird das passende Gesicht (und nicht die Stimme) ausgesucht.

    Wenn das Publikum am Ende des Auftritts Standing Ovations gibt, dann ist dies vielleicht zurecht? Weil jeder schon mal Ausgrenzung in irgendeiner Form erlebt hat und sich durch diesen Songtext angesprochen fühlt?

    Wenn Herr Bohlen die persönliche Komponente kritisiert, beweist das nur eines: totale Inkompetenz. Spätestens nach den Standing Ovations hat der Mann den Knall nicht gehört.

    Anstatt daß die selbsternannten Juroren wieder auf das Übergewicht eingehen, wäre ein Kommentar zur Gesellschaftskritik des Songtextes angebrachter gewesen. Stattdessen gutgemeinte Ratschläge und vermeintlich wohlwollende Ratschläge, die zwischen den Zeilen nur eines zum Ziel haben: den Kandidaten zur Sau zu machen.

    An Lächerlichkeit kaum zu überbieten ist der Kritikpunkt, daß der Song zu “einfach gestrickt” sei. Gedanklich drängen sich mir ja so Titel wie “You’re My Heart You’re My Soul” oder “Cheri Cheri Lady” auf, die – milde ausgedrückt – sowohl harmonisch als auch rhythmisch ebenfalls extrem einfach gestrickt sind (und selbst da schafft es Herr Bohlen nicht, die Finger auf der Klampfe passend zum Playback zu bewegen – Modern Talking ist in dieser Hinsicht noch legendärer als Britney Spears, der während einer Show ein Bühnenscheinwerfer auf den Kopf fiel und der Gesang trotz Bewußtlosigkeit weiterging).
    Wenn so eine Melodie aber aus der Feder des Herrn Bohlen kommt, dann heißt das “eingängig”. Bei einem Übergewichtigen wird da Kinderkram eines “Achtjährigen” draus. So kann man sich natürlich auch die Fakten zurechtdrehen.

    Im Übrigen finde ich es ja schon rotzfrech (im positiven Sinne!), daß sich dieser Kandidat mit diesem Songtext in einer Castingshow vorstellt – besser kann man dieses abartige und menschenverachtende Fernsehformat vor laufender Kamera gar nicht kritisieren.

    DAS ist Kunst und das Ziel ist erreicht: Herr Bohlen als einer der Motoren dieses Systems ist laut eigener Aussage “schlecht drauf”, wenn er diese “Betroffenheitsnummer” hört. Bohlens Daumen nach unten ist ein klarer Punktesieg für Torben :mrgreen:

    Die Optik spielt hier im Proberaum übrigens keine Rolle: wichtig sind für mich neben dem Können auch “Softskills” wie Zuverlässigkeit, technisches Verständnis (Stichwort Kabelsalat), ein gutes Miteinander und Spaß an der Musik.
    Die Erfahrung hat im Laufe der Jahre auch gezeigt, daß Sänger von kräftiger Statur meist auch eine kräftige Stimme haben. Was für mich das Abmischen nach erfolgreicher Aufnahme ungemein erleichtert.
    Dieser Schlankheitswahn im Fernsehen ist völlig irrationaler und kontraproduktiver Wahnsinn, der der Musik langfristig mehr schadet als nutzt.

    In allererster Linie zählt die Stimme. Sonst nichts.

    // Die Prozession zum Klo

    Was mir gerade auffällt: nicht nur Frauen gehen zusammen aufs Klo, die Nachbarband auch.
    DAS nenne ich mal Timing: lauter Kerle, die das Bier so trinken, daß sie alle gleichzeitig aufs Klo müssen :mrgreen:
     

    Musiker mit schwacher Blase

     
    Diese menschlichen Bedürfnisse sind übrigens so eine Sache: was macht ein Musiker mit einer schwachen Blase?
    In einer befreundeten Band gibt es so einen Fall: ein Keyboarder mit einer extrem schwachen Blase. Pro Bier kann er zweimal auf’s Klo rennen. Und wie so viele Musiker trinkt er gerne ein Bier.
     
    Im Proberaum ist das kein Problem, da läßt sich mal eben notfalls selbst mitten im Song eine Pinkelpause einschieben. Während eines Auftrittes bereitet dieses Handicap schonmal Schwierigkeiten: das Publikum geht ab, ein Song geht nahtlos in den nächsten über, damit die Kneipe nicht aufhört zu kochen.
     
    Ich unterstütze diese Band hin und wieder als Tontechniker bei Auftritten und aus einigen Jamsessions kannte ich dieses Problem. Dementsprechend gespannt war ich, wie die Jungs das Problem lösen.
     

    Die Lösung bei schwacher Blase ist nur auf den ersten Blick genial

     
    Die Lösung war ebenso einfach wie naheliegend und genial: einen Eimer unter das Keyboard und über das Keyboard wurde ein Tuch drapiert mit dem Bandlogo. Sah gut aus, der Keyboarder konnte soviel Bier trinken, wie er wollte und die Band war fit genug, um die einhändigen Keyboard-Passagen spontan zu füllen.
     
    Das Publikum hat nie etwas gemerkt, bis diese Band einen Auftritt in einer Kneipe am späten Nachmittag hatte und sich genau hinter dem Keyboarder ein Fenster befand. Das Publikum wird dieses “Schattentheater” wohl nie vergessen….

    // Uiuiuiuiuiuiuiuiui

    Ich weiß, warum ich dieses Schild hier im Proberaum hängen habe:

    Pupsen verboten

    Auf die 5 Euro in der Kaffeekasse bestehe ich – auch bei langjährigen Kollegen bzw. Gastmusikern. Schließlich gilt auch hier: “Wer lesen kann, ist klar im Vorteil”. :mrgreen:

    Und wieder einmal bin ich froh, daß der neue Proberaum Fenster hat. Heiliger Strohsack.

    // Eine Sensation des Fortschritts

    Ich kann ja mal nur wieder die Hände über dem Kopf zusammenschlagen, was im Fernsehen als eine “süße Geschichte” verkauft wird. Eigentlich bin ich ja froh, daß ich keine Glotze habe, dank Twitter und Co entgehen mir aber die medialen Ereignisse (leider) doch nicht. Beim Dschungelcamp durchaus katastrophal – denn dieser bildungsferne Unterschichtenscheiß interessiert mich überhaupt nicht.

    Etwas größer – aber immer noch verschwindend gering – ist das Interesse bei Musikereignissen wie der Euro-Vision-Songcontest. Ab und zu lese ich mal was darüber und lese auch mal einen Artikel zuende. Und manchmal muß ich lachen, z.B. wenn der dritte Song von Lena mit einer “ganz, ganz süßen Geschichte” angepriesen wird.

    Da darf man doch mal gespannt sein… und was ist? Die zwei Komponisten sitzen an verschiedenen Stellen dieser Kugel, auf der die Menschheit ihr süßes Dasein fristet. Und dann gibt es Internet und Videochats. Und man kann trotz dieser unglaublichen Entfernung von 8750 km Songs zusammen schreiben. Über Videochat.

    DAS ist natürlich eine ganz neue Erfahrung. So haben wir auf MySpace und einschlägigen Musikerforen noch nie Musik gemacht. Darauf hätten wir einmal kommen müssen. Die Geschichte ist so süß, daß mittlerweile in mindestens zweihundertdrölfzig Proberäumen weltweit die Eierkartons an der Proberaumdecke durch Zuckerstalagtiten ersetzt worden sind. Ein Internetzugang gehört nämlich seit mindestens drei Jahren zum Proberaumstandard.

    Die HüpfHopser, die in Sachen technischer Entwicklung meistens etwas schneller sind, als die anderen Musiker, machen das schon seit Ewigkeiten so; das hat sogar den Vorteil, daß sie auch mit anderen Musikern in Kontakt kommen. Wenn auch nur kurz: bei der ersten Beleidigung werden sie weggeklickt. Da macht die Zusammenarbeit mit den HüpfHopsern sogar fast Spaß.

    In der Realität außerhalb des Flimmerkastens ist aus der Zusammenarbeit über das Internet schon fast nicht mehr wegzudenken. Gerade für die Einzelkämpfer, die im stillen Kämmerlein Songs schreiben und sich bei Bedarf Unterstützung holen, ist diese Vorgehensweise mittlerweile völlig normal und selbstverständlich. Hin und wieder hört man auch von unvollständigen Bands, die sich ihre fehlenden Musiker über Skype wenigstens vorsortieren. Da gibt es dann eben mal eine Jamsession über Skype für die Vorauswahl. Die zweite Runde findet dann im Proberaum statt. Und spätestens seit die Gastmusiker für die Anfahrt das Spritgeld zurückerstattet wollen, läuft das bei mir sowieso nicht anders: erstmal wird über Videochat gejammt, und erst dann treffen wir uns für die Aufnahme im Proberaum (sofern das aufgrund der Entfernungen überhaupt möglich ist). Einige Gastmusiker “kenne” ich schon seit Jahren und habe sie noch nie im Reallife gesehen. Oder ich war bei irgendwelchen Bands in einem Kuhdorf hinter Timbuktu als Gastmusiker tätig. Meine Geographie-Kenntnisse haben sich jedenfalls seit einigen Jahren vergrößert.
    Und bevor jemand fragt: ja, wir zeigen uns unsere Proberäume auch auf Googlemaps oder laufen mit der Webcam durch den Proberaum, um über das Equipment zu fachsimpeln. Das haben die Macher dieser Sendung nämlich vergessen zu erwähnen.

    Hier kann man sich die ganz, ganz süße Geschichte angucken.

    (im Übrigen bezweifle ich, daß das auch für die beiden Komponisten eine neue Erfahrung war, auf diese Art und Weise einen Song zusammen zu schreiben – aber das wäre ja für die Glotze zu langweilig.)