Vor lauter Arbeit kommt die Musik immer noch viel zu kurz. Ich hoffe, daß sich das bald ändert und ich ausschließlich mit meinem erlernten Beruf wieder den Proberaum finanzieren kann.
Ganz ehrlich – ich habe nix gegen Grünzeugs (solange man das Grünzeugs essen kann) und es gibt sicher schlechtere Jobs als dieser Aushilfsjob im Blumenladen. Wenn da nicht die Kunden wären – die können nämlich das Leben ganz schön stressig machen.
Miki berichtet in ihrem Blog über Omas und Rollatoren: Eine Leidensgeschichte, die ich bedenkenlos unterschreiben kann.
Allerdings braucht es keine Omas und keine Rollatoren, um mich an den Rand des Wahnsinns zu treiben. Denn manche Kunden… wenn ich so dürfte, wie ich wollte, dann könnte ich…
Echt jezz…!
Da steigt also eine Kundin aus einem Taxi aus, das direkt vor der Ladentür hält. Das Wort “aussteigen” ist allerdings etwas irreführend: sie läßt sich aussteigen, denn diesen Job durfte der Taxifahrer übernehmen. Blöd, daß da die Handtasche im Weg war. Staunend beobachtete ich, wie die gehbehinderte Frau erst die Handtasche zum offen Autofenster rausstreckte, sich mit der gleichen Hand am Taxifahrer festhieltkrallte, die Tür zumachte um anschließend festzustellen, daß das alles so nicht geht. Der Taxifahrer kratzte sich verwirrt am Hinterkopf.
Im zweiten Anlauf hielt sich die gehbehinderte Tussnelda an einem Kartenständer auf Rollen fest, der unter ihrem Gewicht erst fortrollte, bevor er resigniert zu Boden ging.
Die übergewichtige Kundin (im folgenden mit weniger schmeichelhaften Wörtern bedacht) konnte sich an einer Säule im Eingangsbereich festhalten, bevor sie auf den Taxifahrer fiel.
Zeit für mich, in das Geschehen einzugreifen und die herausgefallenen Karten einzusammeln, bevor sich diese aufgrund des Wetters buchstäblich in alle Winde verstreuten. Der Taxifahrer kämpfte derweil um sein Gleichgewicht, mit dem Gewicht der Kundin und einer unvorhersehbar herumwirbelnden Handtasche.
Nach circa fünf Minuten hatte der Taxifahrer die fette Kuh in den Laden bugsiert. Diese verlangte sofort nach einer Sitzgelegenheit – ein Unfall mache es ihr unmöglich, während des Einkaufs zu stehen.
Ich hätte spätestens jetzt mißtrauisch werden sollen. Wurde ich aber nicht – in meinem geliebten Labor habe ich es ausschließlich mit wohlerzogenen Wissenschaftlern und wissenschaftlichen Personal zu tun – also so Freaks, wie ich es einer bin.
Komplett irrationales Verhalten ist in meiner Arbeitswelt nicht vorgesehen (mit Managern, Controllern und ähnlich arroganten Seseelfurzern habe ich schlimmestenfalls in der Kantine zu tun, wenn dieses Gesocks mir mein Essen streitig macht sich vordrängelt und ich anfange, hitzige Wortgefechte zu führen, die über kurz oder lang zu einer Kündigung führen. Wenn es um mein Essen geht, verstehe ich keinen Spaß und irgendwelche Hierarchien sind mir bei diesem Thema ehrlich gesagt scheißegal).
Diese fette Kuh auf ihren morschen Kackstelzen räumte erst einmal umständlich ihre Handtasche auf, die kurz zuvor am Hinterkopf des Taxifahres in einem reichlich dearrangierten Zustand geriet. Dabei verlangte sie lautstark nach einer Kollegin, die sich knapp zehn Minuten zuvor in ihren wohlverdienten Feierabend verabschiedet hatte.
Dies erklärte ich der Kackbratze auch und als ich sagte, daß die Spinatwachtel nun leider, leider zwangsläufig mit mir Vorlieb nehmen müsse, konnte sich der Taxifahrer ein schadenfrohes Grinsen nur mühsam verkneifen.
Meine Kompetenz wurde angezweifelt. Ich kannte diese Kundin noch nicht aber instinktiv war ich gleicher Meinung. Balkonpflanzen kann man üblicherweise nicht essen und somit fällt die herbstliche Balkonbepflanzung nicht in meinen Kompetenzbereich.
Abrupter Themenwechsel: die triste Wohngegend wurde mir ausführlich beschrieben. Ob ich auch der Meinung sei, daß dies eine Scheißgegend sei. Ja, dieser Meinung bin ich auch, ich fotografiere ja vorzugsweise den gesellschaftlichen Verfall und so war ich auch schon oft in diesem Stadtteil. Ja, ich kenne die Gegend. Nein, ich wohne in diesem Assozialenviertel zum Glück nicht.
Eine wartende Kundin in der Schlange begann ungeduldig mit dem Fuß zu wippen. Ich merkte mir die Wegbeschreibung zu dem Hinterhof für eine Fotosession und lenkte das Gespräch ungeschickt wieder auf die Balkonbepflanzung.
Das hätte ich besser nicht tun sollen: mir wurden Pflanzennamen um die Ohren geknallt, die ich trotz mehrjähriger Tätigkeit im Blumenladen nie gehört mir nie gemerkt habe.
Mein Gott. Ganz ehrlich? Mir ist es sowas von wurscht, ob eine Rose nun “Romantic Hot Red Flame Deluxe” oder sonstwie heißt. Das Scheißding hat Dornen, an denen sich zarte Frauenhände verletzen können. Wer sowas seiner Freundin überreicht, muß sadistisch veranlagt sein oder seine Freundin aus leidvoller Erfahrung abgrundtief hassen. Punkt, fertig, aus.
Tomaten, Basilikum, Petersilie, Schnittlauch – DAS sind z.B. Pflanzennamen, die man(n) sich merken können muß. Denn nur damit läßt sich ein blutiges Steak geschmacklich aufwerten.
Ich schleppte also völlig planlos irgendwelche Topfpflanzen an, die ansatzweise nach herbstlicher Balkonbepflanzung aussahen und die gewünschte Farbe hatten. Der Taxifahrer begann breiter zu grinsen. Einige Kunden taten so, als ob sie gähnten oder gingen vor der Ladentür eine rauchen. Natürlich an strategisch günstigen Plätzen, um das Schauspiel zu beobachten. Ich wurde etwas nervös. Es ist schon ganz schön doof, wenn sich Hinz und Kunz mit Balkonpflanzen besser auskennen, als die aus Kundensicht erwartete Fachkraft.
Ein Anruf bei meiner Kollegin war langsam überfällig. Der Taxifahrer begann sich, auf den Rückweg mit dieser Kundin vorzubereiten. Ein meditatives Rauchritual begann.
Meine Kollegin klagte mir am Telefon ihr Leid mit derselben Kundin. Ich solle die Kundin rausschmeißen, wenn sie nervt. Das tat die fette Kuh mittlerweile ohne Zeifel. Leider ist sie einiges schwerer als ich und der Taxifahrer rauchte eine nach der anderen. Die übrigen Kunden lästerten. Aus dieser Richtung war also keine Hilfe zu erwarten. Ich begann, diesen Tag abgrundtief zu hassen.
Ich bekam einen telefonischen Crashkurs in Sachen herbstlicher Balkonbepflanzung. Der wurde von der gehbehinderten Spinatwachtel unterbrochen, die lautstark nach einer Sitzgelegenheit verlangte. Andernfalls gehe die Kundin. Der Taxifahrer brach in hysterisches Gelächter aus während ich mir überlegte, wie ich das Telefongespräch mit meiner Kollegin künstlich verlängern könnte.
Ich würgte das Telefonat trotzdem ab. Schließlich warteten auch noch andere Kunden und mein Feierabend sollte auch nicht in allzu weite Ferne rücken.
Aufgrund meines telefonisch erworbenen Spickzettels kamen immer mehr Balkonpflanzen in die engere Wahl. Jede war natürlich überteuert. Die Kundin wähnte sich offensichtlich auf einem türkischem Basar. Diesen Zahn konnte ich aber unerwarteterweise erstaunlich schnell ziehen.
Der Taxifahrer notierte sich sicherheitshalber meine Argumentationskette auf einem Zettel.
Die Spinatwachtel hatte sich nach 20 Minuten für einige Balkonpflanzen entschieden, die augenscheinlich dafür geeignet sind, die bemängelte Hinterhoftristesse zu lindern.
Wenn ich in diesem Nebenjob eines gelernt habe: man kann wirklich einem Eskimo einen Kühlschrank verkaufen. Man muß einfach nur souverän genug auftreten. Es ist völlig unwichtig, ob man weiß, wovon man redet.
Es war kein Problem, zusätzlich einige Zimmerpflanzen, die ursprünglich irgendwo in den Tropen beheimatet sind, als winterhart zu verkaufen.
Meine Kompetenz wude zwar zurecht erneut angezweifelt. Ich sagte, daß dies so auf dem Preisschild stehe. Da ich mittlerweile ziemlich sicher war, daß der Taxifahrer die Schabracke nicht an dem Preischild vorbeifrachten würde, war diese Aussage relativ gefahrlos möglich.
Sonst habe ich ja gerade nix zum Lachen und dieser Spaß mußte einfach sein. Die umstehenden Kunden fanden es ebenfalls lustig. Der Taxifahrer zwinkerte mir verschwörerisch zu.
Die Kundin bezahlte endlich anstandslos die verlangte Summe und mit den Tropengrünzeugs war mein Stundenlohn erfolgreich erwirtschaftet.
Nachdem der Taxifahrer die Nervensäge ins Auto verfrachtet und die Beifahrertür zugeknallt hatte, entschuldigte er sich bei mir.
O-Ton: “Wenn ich gewußt hätte, wie diese Tante drauf ist, hätte ich die auf einem einsamen Waldweg ausgesetzt. Da wär’ uns beiden ‘ne Menge Ärger erspart geblieben.”
Recht hat er. Wir verbredeten uns auf ein Bier. Für mich als Musiker ist es immer gut, freundschaftliche Beziehungen zu den örtlichen Taxifahrern zu pflegen. Schließlich trinkt unsereins mal gerne einen über den Durst und es ist gut zu wissen, daß ich im Taxi nur “Heim” lallen muß, um vor der Proberaumtür abgelegt zu werden…