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// Was braucht man zum Musikmachen?

Auf Twitter hatte ich am Sonntag abend eine kurze aber doch interessante Diskussion zu dieser Frage.

Ehrlich gesagt hat mich das Anspruchsdenken an das Equipment etwas erschüttert. Oder ich behaupte einfach mal, daß es in dieser Diskussion gar nicht um das Musikmachen an sich ging, sondern vielmehr um die Anschaffung von Statussymbolen.

In den Jahren, in denen ich aktiv Musik mache, habe ich viele Leute erlebt, die durchaus überdurchschnittlich talentiert waren. Einige davon haben mir Gitarrenakkorde beigebracht, die ich aus anatomischen Gründen zunächst einmal für unmöglich hielt. Da war also durchaus einiges an Wissen und Können da und dieses Talent hätte auch verwendet werden können.

Was mich immer überrascht hat, war die Tatsache, daß diese Leute zwar gerne mal bei mir im Proberaum auf ein Bier und eine Jamsession vorbeikamen aber ansonsten ihr Talent brachliegen ließen.

Oft diskutierten wir bei einem Bierchen, warum dies so ist. Die Antwort war eigentlich bei allen Leuten unabhängig voneinander die gleiche: Das Equipment fehlt / kann ich mir nicht leisten / habe ich keinen Platz für / ich habe keinen Ort, an dem ich Musik machen kann. Sowas ist einfach nur traurig.

Meine Antwort war und ist eigentlich immer die gleiche und die hat sich über die Jahre auch nicht geändert:

Du hast Deinen Arsch, Deine Finger und Dein Equipment. Also setze Dich hin und mach was draus.

Ganz klar: hochwertiges Equipment ist eine tolle Sache und man kann jahrzehntelang daraufhin sparen. Gleichzeitig macht man in diesen Jahrzehnten auch nichts anderes als sparen. Musik jedenfalls nicht. Das hat keiner von denen reglmäßig gemacht, die bei mir auf ein Bier und eine Jamsession zu Besuch kamen oder kommen. Mehr als diese Jamsession lief nicht. Kein einziger eigener Song und keine einzige Anschaffung, die die Leute auch nur einen Millimeter näher and das Ziel “Musikmachen” gebracht hätte.
Denn meistens wurde das gesparte Geld im gleichen Jahr für das Auto, den Urlaub ausgeben oder bereits bis zum Monatsende gleich versoffen. Versteht micht nicht falsch: das ist ok. Jeder darf so leben, wie er mag. Jeder darf auch träumen – das tue ich auch.

Man muß auch erst Blut lecken.

Denn dann fällt die Sparerei und die damit verbundenen Einschränkungen auch leichter.
Bevor es soweit ist, ist in meinen Augen eigentlich das wichtigste: anfangen! Das Equipment ist zunächst mal scheißegal.

Es ist gut, wenn man ein Ziel hat, auf das man hinarbeiten kann; ein Ziel, das einen motiviert, weiterzumachen. Aber ohne diesen alles entscheidenden Anfang läuft gar nix.
Für diesen Anfang tut es auch eine E-Gitarre für 250 Euro und ein gebrauchter Transistorverstärker. Da hat man nichts hochwertiges, aber zumindest mal etwas halbwegs solides, mit dem man erstmal arbeiten kann. Diese 250-Euro-Gitarre wird mit Sicherheit keine Freundschaft für’s Leben und vielleicht ist es auch schlicht die falsche.

Die 3000-Euro-Traum-Gitarre kommt erst mit der Zeit (und erst mit der Zeit weiß man auch, welche das ist). Diese Anschaffung lohnt sich auch nur, wenn man schon ein paar Akkorde beherrscht und etwas tiefer in die Materie eingestiegen ist.

Statt einem Strat-Nachbau wäre vielleicht eine Paula-Kopie die bessere Gitarre. Wer weiß das schon, wenn man direkt am Anfang steht? Und wer beschäftigt sich mit solchen Fragen, der noch keine Ahnung von der Materie hat? Wer kennt schon den Unterschied zwischen Humbuckern und Singlecoils? Oder im Falle eines Baßes den Unterschied zwischen aktiven und passiven Tonabnehmern? Wer weiß am Anfang, ob ein Sampler oder Masterkeyboard die richtige Kaufentscheidung ist? Wer kennt die damit verbundenen Folgeanschaffungen und -Kosten?

Wichtig ist nur eines: anfangen. Egal wie. Der Rest kommt von alleine und wird sowieso meistens etwas anders als ursprünglich gedacht. Ein Hobby braucht auch Luft zum Atmen und Raum zur Veränderung.

Zu meiner Anfangszeit habe ich zum Beispiel von einer Band geträumt. Heute wäre dieses Konzept auch das völlig falsche Vehikel für meine Ideen oder Vorstellungen und die Ausstattung meines Proberaumes wäre heute auch eine ganz andere, wenn ich hier mit einer kompletten Band proben würde. Da bin ich also deutlich abgewichen von meinem ursprünglichen Plan.

Musik mache ich trotzdem fast jeden Tag – obwohl die gesamte Duchführung überhaupt nichts mehr mit der Ursprungsidee zu tun hat. Meine Prioritäten haben sich im Laufe der Zeit geändert. Genau wie die meiner Mitstreiter aus den Anfangstagen. Die machen heute alle keine Musik mehr – oder kommen bei mir auf ein Bierchen oder Jamsesseion vorbei. Allerdings haben die meisten von denen nicht “angefangen” – die sind irgendwelchen Träumen hinterhergejagt und haben diese nie erreicht oder unterwegs gefrustet aufgegeben oder haben irgendwann festgestellt, daß die Musik doch nicht das richtige Hobby ist.

Für mich sind solche teuren Anschaffungen vor dem Anfang eher Beschaffungsmaßnahmen von Statussymbolen. Damit man was hat, um anzugeben, wenn man in einer Band vorspielt oder wenn Besuch kommt. Die Finger waren aber bei so einem Casting im Proberaum schon immer wichtiger als der Inhalt des Gitarrenkoffers.

Ich glaube, daß sich das nicht nur auf die Musik bezieht. Der gleiche Gedanke läßt sich vermutlich auf jedes Hobby (sei es die Fotografie, ein Oldtimer zusammenbasteln, was auch immer) übertragen. Wie seht Ihr das?

7 Kommentare

  • Sascha sagte am 28. März 2011 um 10:09 Uhr:

    Ich denke auch, dass sich das nicht nur auf Musik bezieht. Nehmen wir doch als naheliegendes Beispiel das Bloggen. Viele starten da mit Glitzern in den Augen und dem Traum von der “Berühmtheit im Netz”. Die kann man sicherlich auch erlangen – aber es ist eben kein Selbstläufer, sondern setzt Aktivität in die Richtung voraus.

    Vorher sollten jedoch -sowohl in Musik als auch beim Bloggen- die Grundvoraussetzungen erfüllt sein: ein gewisses Talent, Freude an dem, was man tut bzw. tun möchte, und ausreichend Motivation, um auch die “Durststrecken” zu überstehen.

    broken-spirits: hehe, das Beispiel Bloggen wollte ich heute morgen auch noch nachtragen, ich habe nur zulange geschlafen und mußte schnell zur Arbeit ;-) Kein Blogger würde einem Neuling gleich zu Beginn einen eigenen Server empfehlen sonder eher wp.com oder ähnliche Plattformen. Erst mal gucken, ob es überhaupt Spaß macht. Klar ist die Qualität wichtig, ohne die geht der Spaß auch flöten – aber eben in Maßen. Und die Durststrecken kommen – egal bei was.
    Andererseits denke ich bei den oben beschriebenen Musikern manchmal, daß es eben auch nicht so wichtig ist. Vielleicht ist es sogar besser so – für alle Beteiligten, wenn die ewig ihren Träumen hinterherjagen… ;-)

  • Banane sagte am 28. März 2011 um 21:59 Uhr:

    Eigentlich genauso. Mit der Einschränkung, dass es immer halbwegs vernünftig klingen und auch das billigste Equipment Spass machen muss. Was bringts, wenn man an seiner Gitarre/seinem Amp keine Freude hat, weil das Zeugs zwar Musik macht, aber schrecklich klingt. Wichtig ist, glaube ich, gerade für Anfänger, nicht mit dem billigsten Mist zu beginnen. Die Strat-Kopie mit Amp für 199,- wirds nie bringen. Lieber bissi mehr ausgeben, und wenns dann ambitioniert wird, kann man immer noch auf was teures sparen. Andersrum wird man mit ner 3k eur Gitarre auch nicht automatisch zum Rockstar :-)

    broken-spirits: also, bei der 200 Euro-Klampfe muß ich Dir teilweise widersprechen. Klar gibt es in dieser Preisklasse überwiegend Mist, aber ich hatte mit meiner 400-Mark-Klampfe (lange ist es her) richtig Glück gehabt und nutze das Teil auch heute noch sehr gerne. (400 Mark und 200 Euro setze ich jetzt mal gleich, auch wenn es im Laufe der Jahre inflationsbedingt etwas hinkt). Das Ding ist von Al Stevens (ich weiß gar nicht mehr, ob es die heute noch gibt) und in Sachen Stimmstabilität und Spielbarkeit ist sie absolut super. Gegen die Vigier kann sie nicht anstinken, aber das gilt wohl auch für 99,5 % aller Gitarren :mrgreen:

    Beim Verstärker ist das so ne Sache. Da habe ich schon die abenteuerlichsten Konstrukte gesehen- sogar ne Stereoanlage kam da vor. :shock: Und: solange man ständig danebengreift, nutzt auch der beste Verstärker nix: ein undefinierbares Hmmmpf bleibt ein Hmmmmpf – egal was für ein Verstärker. In dem Stadium tuts auch was einfaches (das freut auch die Nachbarn).
    Du hattest ja auch mal erst mit ner Klampfe irgendwie angefangen – Dein Traumverstärker (+ weiteres Equipment) kam auch erst später dazu, oder? – Siehste! :mrgreen: ;-)

    Andererseits stimmts schon: zu billig versaut auch den Spaß. Da muß man schon abwägen. Aber ca. 500-600 Euro für nen Starterkit (Schwerpunkt liegt dabei auf der Gitarre) ist eigentlich ok. Da gibt es brauchbares Equipment.

  • Banane sagte am 29. März 2011 um 07:04 Uhr:

    Siehst Du, das mein ich. Ne 200€-Gitarre geht wharscheinlich schon, aber diese Anfänger-sets mit Gitarre und Amp für 199 taugen meist nix. Meins war jedenfalls grausam, hab mir dann recht bald ne Epiphone und nen kleinen Transistor-Marshall geholt. Zusammen haben die knapp 400 gekostet. Den Bereich, oder auch noch 300 für Schnäppchen, seh ich als Minimum an.

    broken-spirits: diese Anfängersets waren schon immer gruselig ;-) Das wäre schon fast ein Thema für einen eigenen Blogeintrag. Jedenfalls kommt man für vergleichsweise wenig Geld zu einem guten Einsteigerequipment, und es ist definitiv nicht nötig, gleich zu Beginn tausende von Euros auszugeben (in der Twitterdiskussion ging es um fünfstellige Zahlen ;-) )

  • Banane sagte am 29. März 2011 um 08:11 Uhr:

    Ne, gleich Tausende auszugeben, ist totaler Unsinn. Die Fender-Fans können zu Squier, die Gibson-Fans zu Epiphone gehen. Wenns Mainstream sein soll :) Dazu nen schönen Transistor-Combo, damit kann ein Anfänger dann gut loslegen. Der Hersteller “Vintage” soll auch ein Geheimtip sein, und sogar bessere Gibson-Kopien bauen als Epiphone. Kann ich aber nicht beurteilen, obs stimmt.

    broken-spirits: och, für den Mainstream gibt es auch gute japanische Modelle. Wenn Du mal ne Strat brauchst, schau Dich mal in der Pacifia-Serie um. Die sind sogar besser als Squier. *find*. Dann gibt es noch Versicherungsschäden, Gebrauchtmarkt usw… Vintage kannte ich als Hersteller noch gar nicht…?

  • AbidiText sagte am 29. März 2011 um 11:48 Uhr:

    Ich glaube, das gilt für viele, viele Lebensbereiche. Vielleicht glauben manche Leute wirklich, ohne Markenoutfit könne man nicht laufen gehen. Oder sie brauchen Statussymbole. Oder eine Ausrede. Oder sie haben einfach nicht das Glück, dass sie von etwas wirklich so fasziniert sind, dass sie sich dafür richtig reinknien. Dann bleibt nur Konsum als oberflächliches Imitat. Aber das ist im Vergleich zu echter Leidenschaft so unbefriedigend wie künstliche Aromastoffe im Vergleich zu frischen Köstlichkeiten …

    broken-spirits: der Vergleich mit den Aromastoffen gefällt mir *notier* :-)
    Irgendwo habe ich mal den Satz gelesen, daß es schlimm sei, wenn man ein Ziel zu erreichen ausprobiere und danach immer noch unzufrieden. Die Ausrede im Dauerabo könnte es bei manchen Leuten ganz gut treffen. Einfach die Ziele so hoch stecken, daß sie schon von vorneherein unerreichbar sind. Funktioniert ;-) Der Rest braucht dann wirklich nur ein Statussymbol als Staubfänger. Im Fall von Musikinstrumenten ist das schade ums Instrument :-(

  • Andreas sagte am 10. April 2011 um 05:10 Uhr:

    Musik, einfach: http://www.youtube.com/watch?v=cJHUwlsY9g4&feature=related

    boken-spirits: Genial! :mrgreen: Das wird in mein Schlagzeug integriert ;-)

  • Andreas sagte am 22. April 2011 um 12:30 Uhr: