// Normalität?
Manchmal kann ich gar nicht hinsehen, wenn ich hier einem befreundeten Schlagzeuger in seinem normalen Leben zuschaue….
So auch eben: ich habe ihn seit längerer Zeit wieder am Getränkeautomaten getroffen. Wir habe uns beide ein Bier geholt, kurz geschwätzt und in seinem Proberaum wurde dann recht schnell nach ihm gerufen. Die Jungs waren gerade mit den Vorbereitungen für einen Gig beschäftigt und in solchen Momenten ist eben keine Zeit für Smalltalk
Der Kerl rennt also los, dreht sich dabei im Laufen um und ruft “Die Jungs killen mich, wenn ich jetzt nicht in den Proberaum gehe”.
Der Gang hier im Proberaum ist sehr eng, manche Türen gehen nach außen auf und man muß wirklich aufpassen, wenn man nicht in eine sich plötzlich öffnende Tür reinlaufen will – mein erster spontaner Gedanke ist: “Kerle, guck, wo Du hinläufst!”
In diesem Fall ist das aber sinnlos…
Manfred ist Schlagzeuger in der Band Blind Foundation und wie der Name vermuten lässt, sind fast alle Bandmitglieder blind.
Ich kann mich noch sehr gut erinneren, wie ich Manfred vor 2-3 Jahren kennenlernte: Während einem Gespräch mit den Kollegen seiner Zweitband vor dem Getränkeautomaten wurde erwähnt, daß der Schlagzeuger dieser befreundeten Band blind sei, aber trotzdem keine Hilfe beim Aufbau des Schlagzeuges bei einem Gig brauche.
Ich war nicht der einzige, der sich das nicht vorstellen konnte.
Mein selbergebasteltes Schlagzeug aus Metallfässern und Bierdosen schreit geradezu danach, die Fähigkeiten des Schlagzeugers zu testen. Es gab einige Diskussionen mit den Umstehnden und den Bandkollegen des Schlagzeuges – so im Stil von:
“Sowas macht man nicht” / “Das ist fies” / “Mit Behinderungen macht man keine Witze” usw…
Die Bandkollegen haben uns dann davon überzeugt, daß dies alles kein Problem sei.
Nun, das Ende vom Lied: wir haben ihn hinter mein Schlagzeug gesetzt (in meinem Proberaum ist es sehr eng und ohne Hilfe schafft das ein Blinder ohne Ortskenntnisse alleine nicht so einfach und vor allem nicht unfallfrei), er hat sich den Aufbau meiner Schießbude ertastet, auf die Fäßer und Dosen nacheinander draufgehauen, kurz gestutzt, gefragt, ob wir ihn veräppeln wollen (Ja!) – und…
… losgelegt!
Leuts, ich kann Euch eins sagen: nie, wirklich NIE hat jemand vorher oder nachher so ein geniales Schlagzeugsolo auf diesen Blechdosen vom Stapel gelassen!!
Und das knappe 10 Minuten lang!
Wir standen alle – selbst seine langjährigen Bandkollegen – mit offenen Mündern da und haben nicht geglaubt, was wir da gesehen und gehört haben.
Damals war noch mein Mischpult in dem Schlagzeug eingebaut und ich hatte Manfred noch gebeten, darauf zu achten, nach Möglichkeit nicht auf das Mischpult draufzukloppen. Gedanklich hatte ich mich aber schon damit abgefunden, daß ich nach dieser Aktion ein neues brauche…
Dem Mischpult ist nichts passiert.
Diese Geschichte wird heute noch gerne erzählt, wenn es um einen blinden Schlagzeuger geht, den es eigentlich nicht geben kann.
Das kommt davon, wenn man versucht, einem alten Trapper in den Colt zu pinkeln…
Fortsetzung folgt
April 9th, 2010 um 19:15
Behinderte haben es überhaupt nicht so gerne, wenn man sie anders behandelt als “Normale”. Natürlich muss man je nach Art der Behinderung Rücksicht nehmen und kann z.B. einem Blinden keinen Ball zuwerfen. Aber ansonsten spricht nichts dagegen, sie in alle mögichen Aktivitären mit einzubinden. Und da im Falle einer Behinderung andere Sinne tatsächlich einen Teil des verlorenen übernehmen, sorgen sie manchmal schon für besondere Überraschungen.
broken-spirits: ich habe das mal selber ausprobiert, mit verbundenen Augen Schlagzeug zu spielen. Diese Leistung ist wirkich nicht zu verachten. Keine Ahnung, wie er das macht, ich hab keinen einzigen Deckel getroffen (aber dafür mein Mischpult -seitdem ist eine Schieberegler locker *heul*)
Dennoch. diese Berührungsängste gibt es – wenn auch völlig grundlos! Und da nehme ich mich selber nicht aus, da ich ja anfangs noch das Mischpult ausbauen wollte, bevor er anfängt zu spielen
In ihrem Angbeot für Schulklassen (nebenbei eine sehr gute Aktion) gehen sie ja auch auf das Thema “Normalität” ein.
Und auch dieser Blogartikel (und der demnächst folgende) entstand a teilweise auf Wunsch von Manfred, der sich mehr Aufklärungsarbeit wünscht – weil es eben viele Leute sagen “blind und Schlagzeug? geht ja gar nicht…”
April 10th, 2010 um 23:10
Oha, das ist beachtlich.
Allerdings sind Blinde nicht zu unterschätzen. Ich hatte mal eine Bekannte, die hat sich wirklich überall in ihrer Heimatstadt ohne Hilfe zurecht gefunden. Ich kann mir sowas überhaupt nicht vorstellen, aber anscheinend geht es…
broken-spirits: ich glaube mittlerweile, das ist das Hauptproblem. Als Sehender kann man sich das nicht vorstellen und das führt wohl zu vielen unnötigen Hindernissen. Und manchmal ist eine Erblindung sogar von Vorteil – auch wenn sich das jetzt merkwürdig anhört. Dazu aber später mehr
April 11th, 2010 um 02:39
Ich habe als Taxifahrer mal eine Zeit einen Blinden zum Schützenhaus gefahren. Der Name des Hauses ist Programm und so ging es dort um Schießveranstaltungen an denen der Blinde teilnahm.
und habe mir fast den Arsch aufgerissen, damit ihm nix passierte…
Zwar mit einer speziellen Zieleinrichtung (das ging nach Tonhöhe je näher man dem Ziel kam).
Hinterher zeigte er mir immer ganz stolz seine Verbesserungen beim Schießen (die Zielscheiben).
Naja… jedenfalls war ich auch besorgt. Ein Blinder…
Bis er mir mal sagte, das wäre nicht nötig. Er wäre zwar blind, aber nicht blöd.
Ich hatte ihn immer untergehakt um ihm den Weg zu “zeigen”. Er aber wollte mir nur die Hand auf die Schulter legen und dann sollte ich forschen Schrittes losmarschieren.
broken-spirits: viele Sorgen sind nicht nötig…. ich bekomme das selber ab und an “unter die Nase gerieben”, wenn ich mir da Gedanken mache. Klar, daß man als Sehender Rücksicht darauf nimmt (wenn Manfred hier in den Proberaum reinkommt, liegt hier keine Bierflasche auf dem Boden rum). Es ist aber für unsereins verdammt schwer vorstellbar, wenn ein wichtiger Sinn fehlt…
Das mit dem “Hand auf die Schulter legen” kenne ich auch. Macht er genauso und genauso sind wir vom nahegelegenen Bahnhof in den Proberaum gekommen. Sehr ungewohnt, wenn man nicht “mal eben so” an einem Baum vorbeilaufen kann, sondern noch für jemand anderen mitsehen muß… aber: durch diese Situationskomik hatten wir auch unseren Spaß