(c) by Broken Spirits

// Menschenhandel re-reloaded

Den ersten Teil von Menschenhandel gibt es bei Sina, den zweiten Teil bei Jana.
 
Bei Sina fiel mir – obwohl ich mittlerweile einiges gewohnt bin – bei meiner abendlichen Blogrunde erstmal das Frühstück vom Vortag aus dem Gesicht. Es ist schmerzhaft, quasi “schwarz auf weiß” das zu sehen, was man schon immer geahnt hat.
 
Bei Jana habe ich eine Zitatesammlung über Zeitarbeit gefunden, die ich unkommentiert so nicht stehen lassen kann und möchte. Ich werde bei dem scheinheiligen Gefasel als Ex-Zeitarbeiter nämlich richtig wütend.
 
Ich mag dieses menschenverachtende Gewäsch nicht verlinken, es ist von hier (derzeit?) exakt zwei Mausklicks entfernt – alternativ (ggf. später?) kann diese URL in die Adresszeile des Browsers kopiert werden:
http://www.ig-zeitarbeit.de/medienservice/daten-und-fakten/zitate-zur-zeitarbeit
 
Die Seite der Interessengemeinschaft für Zeitarbeit (kurz iGZ) war mir bisher zwar nicht unbekannt, allerdings bin ich nie in die Tiefen der selbstherrlichen Propaganda und Eigenwerbung vorgestoßen – irgendwo ist auch bei mir Schluß. Manche Dinge mag ich mir einfach nicht mehr antun.
 
Bemerkenswert finde ich, daß diese Seite “Zitate zur Zeitarbeit” in dem Ordner “Daten und Fakten” abgelegt wurden.
Die Fakten sehen nämlich meiner Erfahrung nach ganz aders aus:
 

Zeitarbeit ist nicht diskriminierend

 
Zitat: Zeitarbeit ist nicht diskriminierend
 
Als Zeitarbeiter durfte ich bei jedem Arbeitsplatzwechsel das AGG unterschreiben – nur um in der Kantine für das gleiche Essen bis zu 75% mehr zu zahlen und das bei einem Lohn, der bei der Hälfte der Festangestellten lag. Das ist zugegebenermaßen ein eher harmloses Beispiel – aber wo fängt eigentlich die Diskriminierung an?
 
Weniger harmlos ist die Sprache, mit der Zeitarbeiter wöchentlich konfrontiert werden: auf dem wöchentlichen Stundenzettel darf man nämlich seine “Materialnummer” eintragen (die Bezeichnung kann vonBetrieb zu Betrieb variieren – der Wortteil “Material” kommt aber immer in irgendeienr Form vor). Aus buchhalterischer Sicht mag das zwar sinnvoll sein, denn schließlich wird eine Leasingkraft (=Zeitarbeiter) genauso “geleast” wie ein Auto im Firmenfuhrpark. Dementsprechend ist auch nicht die Personalabteilung für die Zeitarbeiter zuständig, sondern die Abteilung “Einkauf”.
 
Diese Wortwahl, die man ständig erlebt, führte sowohl bei Vorgesetzten, Kollegen als auch bei mir oft zu überaus zynischen Kommentaren.
 
Zum Glück habe ich es sehr selten erlebt, daß Kollegen und Vorgesetzte einen Zeitarbeiter für einen Menschen zweiter Klasse hielten. Das kam zwar vereinzelt vor, aber die Mehrheit der Festangestellten war absolut gegen dieses Prinzip Zeitarbeit und ich habe auch sehr viel Unterstützung erfahren dürfen.

 

Zeitarbeit schafft Arbeitsplätze

 
Zitat: Zeitarbeit schafft Arbeitsplätze
 
Falsch. Besonders bewußt wurde mir das ungefähr in dem Zeitraum, als dieses Zitat “Zeitarbeit schafft Arbeistplätze” in die Weltgeschichte hinausposaunt wurde. Ich war damals arbeitssuchend gemeldet und zu der Vereinbarung mit dem Arbeitsamt gehörte trotz meines ausdrücklichen Wunsches, keine Zeitarbeitsangebote zugeschickt zu bekommen auch, daß ich mich auf alle Stellenangebote des Arbeitsamtes bewerben solle. Das waren insgesamt 26 Briefe, die ich innerhalb von zwei Wochen von meinem Failmanager zugeschickt bekam. Alle 26 Stellenausschreibungen waren von Zeitarbeitsfirmen. Immerhin hat er sich bemüht, dieser Failmanager.
 
Selber habe ich mich natürlich auch umgeschaut und ebenfalls Bewerbungen geschrieben. Darunter war in diesen zwei Wochen auch eine Bewerbung für eine Festanstellung: Sehr “praktisch” fand ich es, daß die Anforderungen an das Profil alle sehr ähnlich waren – ich wurde schließlich auch zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen. Meine düsteren Vorahnungen bestätigten sich: Auf dem Tisch lagen 27 Bewerbungsmappen (bzw. Profile) von mir.
 
Dazu paßt auch das Erlebnis, das ich hatte, als ich bei einer kleinen Zeitarbeitsfirma ein Vorstellungsgespräch hatte: Als ich zur Tür reinkam, hatte mein Gesprächspartner noch die Tageszeitung in der Hand. Sehr deutlich zu sehen waren die Stellenanzeigen. Zusammenfassend kann man also sagen: aus einer Stellenausschreibung in der Tageszeitung werden unter Umständen 26 zusätzliche Stellenausschreibungen beim Arbeitsamt. So kann man natürlich mit Fug und Recht behaupten, daß Zeitarbeit Arbeitsplätze aus dem Nichts schafft.
 
Die Zahlen aus diesem Erlebnis sind das ungekrönte Extrembeispiel – Überschneidungen mit meinen eigenen Bewerbungen gab es in der Vergangenheit immer wieder mit schöner Regelmäßigkeit.
 
Es ist wohl offensichtlich, daß sich ein potentieller Arbeitgeber unter diesen Bedingungen das für ihn günstigste Angebot auswählen kann – und das heißt nichts anderes, als daß sich der Arbeitnehmer mit dem für ihn schlechtesten Angebot abfinden muß.

 

Zeitarbeit entwickelt sich weiter – auch hin zu qualifizierten Tätigkeiten

 
Zitat: Zeitarbeit schafft Arbeitsplätze
 
Das ist zunächst mal grundsätzlich richtig. In der Zeitarbeit finden mittlerweile auch Ingenieure und Doktores einen Arbeitsplatz. Zeitarbeit wäre aber nicht Zeitarbeit, wenn es nicht einen Haken gäbe:
 
Bei meiner Arbeitssuche während eines Zeitarbeitseinsatzes habe ich auch Stellenausschreibungen gefunden, in denen ein Chemielaborant für die Spülküche (Festanstellung) gesucht wurde. Für sowas gab es in den 90igern noch Schüleraushilfen, ungelernte Hilfskräfte oder Studenten. Das Argument “Überqualifizierung” wurde mit der “gelegentlichen Unterstützung der Analytik” und dem Hinweis auf GxP ausgehebelt. Zeitgleich hatte ich einen Arbeitskollegen, der als Dr. rer. nat. einen Laborantenjob ausübte – über Zeitarbeit.
Hier wird also mit der Angst vor Arbeitslosigkeit und Sanktionen seitens des Arbeitsamtes gespielt, um die Leute dazu zu bewegen, auch “minderwertige” Jobs anzunehmen. Dieser Hinweis auf qualifizierte Tätigkeiten ist also durchaus mit Vorsicht zu genießen. Wenn man den Tarifvertrag der iGZ mit dem Tarifvertrag der IG BCE vergleicht, dann ist so ein “minderwertiger” Job aus finanzielller Sicht durchaus das kleinere Übel: eine 16jährige Schüleraushilfe verdient lt IG BCE-Tarifvertrag einige Euro mehr als ein Zeitarbeiter mit Ausbildung und einigen Jahren Berufserfahrung.
 
Anmerkung: Minderwertig habe ich deshalb in Anführungszeichen geschrieben, weil aus Sicht eines Dr. rer. nat. nach jahrelangen Studium eine Anstellung als Laborant ebenfalls als minderwertig erscheinen muß.
 
Meine Berufswahl habe ich keine Sekunde meines Lebens bereut und ich betrachte meinen Beruf nicht als minderwertig. Ich liebe diesen Job im Labor, wenn es knallt und raucht und stinkt.
 
Wohin dieser Weg führt, liegt auf der Hand: es sollen möglichst viele hochqualifizierte Arbeitnehmer möglichst “niedere” Jobs annehmen, damit das Wissen zwar in dem jeweiligen Unternehmen vorhanden ist, gleichzeitig aber möglichst wenig Geld für dieses Fachwissen ausgegeben werden muß. Das Gehalt orientiert sich schließlich nicht an dem angeeigneten und erlernten Fachwissen, sondern an der Stellenbeschreibung.

 

Zeitarbeit bietet Sicherheit

 
Zitat: Zeitarbeit bietet Sicherheit
 
Das ist nicht wahr. Das sage ich als eine Art “privilegierter” Zeitarbeiter, der einen unbefristeten Vertrag hatte. Ich hatte genügend Kollegen, die Arbeitsverträge hatten, die nur für die Dauer des Einsatzes galten.
 
Die Zeitarbeitsfirma, bei der ich 2011 angestellt war, gehört der iGZ an. Die sogenannte Sicherheit sah folgendermaßen aus: wenn ein Einsatz bei einer Kundenfirma beendet war, habe ich eine fristgerechte Kündigung erhalten. Zusammen mit der Kündigung wurde mir ein ausgefüllter Urlaubsantrag vorgelegt, dessen Zeitraum genau mit der beschäftigungslosen Zeit bis zum letzten Arbeitstag übereinstimmte. In nicht mal 10 Monaten habe ich zwei Kündigungen erhalten (darauf konnte ich mich allerdings verlassen): die erste Kündigung wurde zurückgezogen, der Vernichtung der zweiten Kündigung habe ich aus guten Gründen widersprochen.
 
Die darauf folgenden Klagen und das Geschrei, wie ich nun woanders einen Arbeitsvertrag unterschreiben könne, sind anständigen Menschen einfach nur unwürdig.
 
Ich habe derzeit eine Kollegin, die ähnliche Abschieds – Gespräche schilderte (sie hat in Etwa den gleichen beruflichen Werdegang): die Firma, bei der ich seit 1. Februar arbeite, sei laut Personaldisponentin einfach nur schlecht. Stimmt: ich verdiene jetzt mehr Geld und das verdirbt bekanntlich den Charakter. Das ist ganz sicher nicht gut für meine persönliche Charakter-Entwicklung.
 
Zur Sicherheit gehört für mich auch ein Einkommen, von dem ich halbwegs sorgenfrei leben kann. Mit einem Brutto-Einkommen (Zeitarbeit), das im dreistelligen Bereich niedriger ist, als mein neues Netto-Einkommen, ist eine Sicherheit nicht möglich.
 
Sicherheit heißt auch, daß ich mein Gehalt zuverlässig bekomme. Wenn die Gehaltszahlungen an Banktage gebunden sind, kann – nein: ist es möglich, daß ich meine Fixkosten von zwei Monaten von einem Gehalt bestreiten darf, das gerade mit Ach und Krach für 4 Wochen reicht. Für den Rest der Zeit solle ich mir eben Geld von meinen Eltern leihen, das Gehalt werde wegen mir auf keinen Fall früher überwiesen (O-Ton meiner Personaldisponentin). Das war zwar eine andere Zeitarbeitsfirma, aber auch diese schrieb sich den iGZ-Tarifvertrag auf die Fahnen.
 
Ein Gefühl von Sicherheit bekam ich 2011 nur über meinem Nebenjob: als ungelernter und untalentierter Aushilfsflorist (!) hatte ich zeitweise einen höheren Stundenlohn als als Chemielaborant mit über 15 Jahren Berufserfahrung.
 
Sicherheit im Berufsleben gibt es heute nicht mehr – das ist mir auch klar. Zeitarbeit ist aber von der noch verbliebenen Sicherheit am weitesten entfernt.

 

Die Zeitarbeit führt weg von dieser vermaledeiten Staatsorientierung

 
Zitat: Zeitarbeit und Staatsorientierung
 
Ein besonders schönes Zitat von unserem ehemaligen Bundeswirtschaftsminister, der sich nicht nur für die iGZ-Propaganda zur Verfügung stellt, sondern auch in der Zeitarbeitsbranche seinen Platz fand.
 
“Vermaledeite Politik”… und das von einem Politiker a.D., der nun einen Platz in der Wirtschaft hat. Diese Wortwahl läßt m.E. nur einen Schluß zu: das waren AüG-Gesetzesänderungen, die nur dem eigenen Vorteil dienen sollten.

 

Arbeit ist zu teuer

 
Zitat: Zeitarbeit ist billig
 
Auch das ist sachlich falsch.
Zu meinen Aufgaben als Zeitarbeiter gehörte es während eines EInsatzes auch, die Rechnungen abzuheften, die die Zeitarbeitsfirma an ihr Kundenunternehmen schickte. Für mich ein schönes Rechenbeispiel: ich habe spaßeshalber den IG BCE- Tariflohn mit der in Rechnung gestellten Summe verglichen. Zu dem Tariflohn noch den Arbeitgeberanteil der Sozialversicherungen und die Unfallversicherung dazuaddiert. Die Zahl, die dabei rauskam, entsprach verblüffend genau der Zahl auf der Rechnung der Zeitarbeitsfirma. Für ein Kundenunternehmen macht es also wenig bis keinen Unterschied, ob das Geld nun an eine Zeitarbeitsfirma überwiesen wird, oder an den Arbeitnehmer und die jeweiligen Sozialversicherungen.
 
Allerdings hatten sich an “meinem” Gehalt einige Leute kräftig bedient: zum einen der Staat, der sich über 19% Mehrwertsteuer gefreut hat und die Zeitarbeitsfirma, die fast 60% vom Rest behalten hat. Für einen Zeitarbeiter bleibt dann fast nichts mehr – zumal der Staat und die Sozialversicherungen dann noch mal einen kleinen Anteil wollen. ALG1 und etwas Wohngeldzuschuß wären Netto mehr gewesen, als ich über einen Vollzeitjob verdient habe.

 

[Edit:]
 
Reportage über Zeitarbeit Teil 1
 
Reportage über Zeitarbeit Teil 2
 
Dieses Ausspielen der Festangestellten, das am Ende des zweiten Teils gezeigt wird, durfte ich ebenfalls erleben: ich hatte einen festangestellten Kollegen, der einen Zweijahresvertrag in der Lohngruppe E7 hatte. Am Ende dieses Vetrages wurde ein unbefristeter Vertrag angeboten – in der Lohngruppe E4. Die Alternative wäre Zeitarbeit gewesen – das Monatsbrutto liegt hier unter E1 (alle E’s sind der IG BCE-Tarifvertrag).

 

Bisher keine Kommentare.