Heute gibt es einen Blogeintrag für Gitarristen bzw. solche, die es werden wollen. Eine irische Softwareschmiede hat die „Riffstation“ entwickelt, mit der sich Gitarrenspuren aus fertigen Songs extrahieren lassen, einzelne Songabschnitte loopen lassen, Akkorde angezeigt werden und sich für Playalongs individuelle Jamtracks erstellen lassen.
Das alles geht zwar alles auch mit Logic oder Cubase, aber welcher Anfänger der Saitenfraktion möchte a) gleich zu Beginn einen Haufen Geld ausgeben und vor allem b) sich mit diesen Programmierorgien auseinandersetzen?
Hier setzt die Riffstation an: ein kleines, erschwingliches Programm, das einfach und intuitiv zu bedienen ist.
Jam Master
Der Jam Master hat drei „Module“: Tempo, Isolate und Pitch.
Isolate ist hier der wichtigste Teil, denn damit läßt sich die Gitarrenspur extrahieren bzw. stummschalten. Wunder darf man bei fertig abgemischten komplexen Arrangements natürlich keine erwarten, dennoch leistet diese Funktion erstaunlich gute Arbeit. Einzig bei einigen sphärischen Keyboard/Gitarren-Klangteppichen kam die Riffstation etwas ins Stolpern und die Trennung der Spuren war nicht ganz sauber. Diese Aufgabe fällt jedoch eindeutig in die Rubrik „Wunder“ und so fand ich dieses Ergebnis nicht überraschend.

Die Bedienung war für mich intuitiv, die Online-Hilfe habe ich hierfür nicht benötigt. Allerdings ist bei mir auch schon einiges an Grundwissen vorhanden, in meiner Freizeit mache ich ja fast nichts anderes als Musik.
Ich denke, auch blutige Anfänger können sich hier sehr schnell einarbeiten – eine Erweiterung um einige Presets (verzerrte Gitarre, akkustische Gitarre o.ä.) könnte an dieser Stelle jedoch hilfreich sein. Die Sologitarre ist einfach: dort, wo der Peak ist, ist sie. Bei der Rhythmusgitarre könnte problematischer werden.
Schwer zu sagen – ich bin schon zu lange dabei, als daß ich das jetzt durch die Augen eines Neulings beurteilen kann. Für den Fall, daß jemand überhaupt nicht klar kommen sollte, gibt es auf YouTube ein Tutorial.
Auf das Modul Tempo war ich besonders gespannt. Zu oft war ich insbesondere im Bereich der Freeware enttäuscht, wie schlecht solche Funktionen teilweise umgesetzt sind. Nicht nur, daß die Tonhöhe schlecht umgesetzt ist, nein: ohne Knackser geht es selten.
Ganz anders die Riffstation: selbst im langsamsten Tempo (da könnte man beim Zuhören einschlafen) ist die Wiedergabe sauber und frei von Störgeräuschen. Von 100 möglichen Punkten vergebe ich hierfür glatt 200. Hat mich echt begeistert: Daumen hoch!
Die Pitch-Funktion ist selbsterklärend: Hier läßt sich die Tonhöhe ggf. noch etwas nachregeln.
Riff Builder
Der Riff Builder ist nun auch für mich eine recht spannende Sache, wenn es um das Grundarrangement eines Songs geht: Einzelne Takte eines Songs lassen sich hier neu anordnen.
Für denjenigen, der Gitarre lernen möchte, ist das eine sehr sinnvolle Funktion, um die schwierigeren Stellen öfters in das Playalong einzubauen.

Aber auch für das Songwriting könnte ich mir hier einige Anwendungen vorstellen – insbesondere dann, wenn es um die Ideenfindung geht. Auch das geht zwar selbst mit meiner alten Windows-Logic –Version problemlos – aber eine „Quick&Dirty“-Methode hat mir hier im heimischen Proberaum dennoch gefehlt. Wenn ein Gastmusiker einige zusätzliche Ideen zum Arrangement hat, kann ich in Zukunft mit wenigen Mausklicks den kompletten Song umgestalten. Das finde ich eine feine Sache. Der Jam Master funktioniert erwartungsgemäß parallel.
Chord Viewer
Ebenfalls eine schöne Sache: die Software erkennt Akkorde und diese werden graphisch dargestellt. Allerdings werden derzeit nur Dur, Moll, und Siebener erkannt. Sus2 sowie Sus4 – Akkorde können manuell hinzugefügt werden. Meist sind es nicht die Originalakkorde, bzw. es gibt Griffalternativen, die sich leichter spielen lassen. Als Anhaltspunkt jedoch eine tolle Sache – wenn es dann noch nicht 100%ig paßt, muß eben die gute alte Grifftabelle in Form eines Buches her (aber das gehört ja sowieso zur Standardausrüstung eines jeden Gitarristen). Eine Rückfrage ergab, daß für die nächste Version der Chord Viewer derzeit überarbeitet wird. Es ist dann möglich, manuell Akkorde zu editieren und zwischen verschiedenen Griffalternativen auszuwählen.

Was ich hingegen wieder sehr nützlich finde, ist die Möglichkeit, den kompletten Song zu transponieren. Geht einfach und schnell und dürfte eine echte Erleichterung sein, wenn ich die transponierenden Instrumente in einem Arrangement nicht ausreichend berücksichtigt habe.
Auch hierfür gibt es ein Video-Tutorial.
Der Praxistest
Gitarrenspuren lassen sich bei den von mir getesteten Bands meist sehr gut bis gut extrahieren – in meinen Augen die nützlichste Funktion dieser Software. Einzig bei sehr komplexen Arrangements kommt die Riffstation etwas ins Stottern – was aber zu erwarten war.
Auffallend war, daß das Tempo manchmal nicht ganz korrekt angegeben wird. Die Unterschiede zum Original sind minimal und liegen bei < 10 bpm (bei meinen eigenen Songs ließ sich das am leichtesten herausfinden, da ich meine Originaldateien noch habe). In sich ist es aber geschlossen, d.h. das Metronom läuft nicht aus der Spur.
Nachdem ich ein paar meiner Lieblings-Songs auseinandergenommen hatte, fand ich es spannend zu sehen, was diese Software macht, wenn ich diese für etwas verwende, für das sie überhaupt nicht vorgesehen ist. Was passiert zum Beispiel, wenn man – anstatt einer Gitarre – versucht, ein Schlagzeug zu isolieren?
Ein derartiges Problem stellt sich mir gerade: für meine nächste CD hätte ich gerne einen Schlagzeugrhythmus, wie er im Drum’n‘Bass gerne verwendet wird. Den kriege ich allerdings überhaupt nicht hin. Also einfach einen entsprechenden Song auf Jamendo runtergeladen und diesen durch die Riffstation gejagt. Zumindest mit elektronischen Schlagzeugbeats kommt die Riffstation erstaunlich gut klar. Einige Abstriche mußte ich zwar machen aber das ist nicht verwunderlich. Da dürfte ich die Tage etwas zu tun haben… (Bei meiner Schießbude konnte ich hingegen ein Totalversagen feststellen. Ob das etwa an meinem Schlagzeug liegen sollte?
)
Bei diesem letzten Test fiel mir ganz zum Schluß doch noch ein kleines Manko auf: ich persönlich bevorzuge es, den geübten Track nach der Probe zusammen mit dem Originaltrack anzuhören. Ich kann mich dann einfach besser auf die Aufnahme konzentrieren, wenn ich nicht gleichzeitig das Instrument spielen muß. Eine Aufnahmemöglichkeit gibt es aber leider nicht. Dies war für mich aber kein Problem, denn Aufnahmemöglichkeiten habe ich hier ausreichend. Immerhin: die isolierte Gitarrenspur kann man als wave-Datei abspeichern, in Logic importieren und dann erst konnte ich beide Soundfiles parallel anhören.
Fazit
Die Riffstation ist eine Software, die ich mir in meinen Anfangstagen als Gitarrero gewünscht hätte. Bei komplexen Arrangements sollte man zwar keine Wunder erwarten, aber in den meisten Fällen lassen sich die Gitarrenspuren nahezu perfekt extrahieren oder stummschalten. Die Bedienung ist einfach und intuitiv. Mit (teilweise erheblichen) Abstrichen funktioniert der Isolator auch ganz brauchbar bis gut mit anderen Instrumenten – vor allem dann, wenn diese in den Frequenzbereich der Gitarre fallen und/ oder im Soundgefüge besonders prägnant sind. (Die Riffstation ist übrigens auch für andere Instrumente in Planung). Schade fand ich lediglich, daß ich die selbst eingespielten Tracks nicht mit dem Original zusammen anhören konnte. Dies ließ sich aber problemlos anderweitig lösen.
Insbesondere das Abspielen in wesentlich langsamerer Geschwindigkeit ist hervorragend umgesetzt. Die Riffstation braucht sich in diesem Punkt hinter Profi-Programmen nicht zu verstecken.
Der Chord Viewer ist eine recht nützliche Ergänzung, hat aber derzeit durchaus noch etwas Verbesserungspotential. Um eine Grifftabelle kommt man zur Zeit nicht herum.
Der Riff Builder macht einfach Spaß! Da kann man sich nach Herzenslust austoben und eigene Ideen entwickeln bis die Finger bluten.
Kurz: Man merkt, die Riffstation wurde von Gitarristen für Gitarristen entwickelt und sie gehört unbedingt in jedes Gitarren-Starter-Kit.
Im Überblick
Preis: 39,99 €
Download: http://www.riffstation.com/
Systemvoraussetzungen: Windows XP & Vista, Windows 7 & 8 / Mac OSX 10.6 oder höher, nur 64 Bit
Anmerkung zum Schluß: für diese Review bekam ich die Vollversion für lau.