Heike fragte:
Aber zum Thema Sängerinnen mit Recall-Erfahrung, aber ohne Talent: Was lässt du die denn so vorsingen? Gibt es da ein Standard-Stück, dass eine Sängerin deiner Meinung nach draufhaben sollte, wenn sie sich bei dir vorstellt? Und wenn ja, warum ausgerechnet dieses? Worauf achtest du? Was ist dir wichtig, was unwichtig, was ist ein Kriterium, der zum sofortigen „Stopp!“ führt? Mal abgesehen von der Tontrefferquote …
Nun, diese Frage ist nicht ganz einfach zu beantworten und auch wenn ich hauptsächlich Sänger(innen) suche, so gilt diese Frage auch für alle anderen Gastmusiker.
Ich denke, das “Standardstück” schlechthin gibt es nicht. Eine Jazzsängerin zu finden, die einen Hardrocksong singen kann und dabei gleichzeitig klingt wie Janis Joplin wird wohl eher schwer bis unmöglich sein.
Im Endeffekt ist aber genau das das Problem (auch wenn selbst für mich dieses Beispiel an den Haaren herbeigezogen ist).
Wenn ich einen Song schreibe, für den ich einen Gesangspart brauche, habe ich im Allgemeinen wenigstens eine grobe Vorstellung, wie sich der fertige Song anhören soll.
Und genau das sollte die Sängerin (bzw. der jeweilige Gastmusiker) auch umsetzen können. Mehr nicht.
Bis zu dem Zeitpunkt des “Castings” (ich hasse das Wort und es beschreibt das Auswahlverfahren nur sehr schlecht) hat niemand außer mir und vielleicht meine Nachbarn den Song gehört – das meiste existiert bestenfalls in meinem Kopf.
Um jetzt eine Sängerin zu finden, möchte ich meist zwei Songs hören:
1) einen bekannten Song, der möglichst nahe an meine Vorstellungen für “meine” Gesangslinie herankommt
und
2) einen Song, der der Sängerin gefällt (also einen, den sie gut kann).
Dadurch erhalte ich zwei für mich wichtige Informationen:
1) kann sie meine Ideen umsetzen? (eigene Interpretationen mag ich auch, es muß also kein 1:1-Cover sein)
und
2) was gibt ihre Stimme her? Passt der Stimmumfang zu meinem Song? Betonungen? etc.
Die meisten Sängerinnen werden hier wohl die für sie “interessanten” Stücke singen, mit denen sie ihr ganzes Können zeigen. In diesem Fall stelle ich meinen eigenen Musikgeschmack auch völig hintenan. Mir geht es bei diesem Song ausschließlich um den Gesang – also die Technik.
Diese Vorgehensweise wende ich an, wenn ich über Printmedien (Sperrmüll, Stadtmagazzine, etc.) eine Sängerin suche.
Es gibt aber auch noch andere Möglichkeiten (Internet, Lauschangriff auf Nachbarproberäume, Lauschangriff an meiner Proberaumtür usw.) und dabei fällt dann ein Punkt situationsabhängig weg – welcher das in der jeweiligen Situation ist, ist wohl klar
Hiermit sind – denke ich – die meisten Fragen von Heike bereits beantwortet. Bleiben noch die ungefragten Fragen.
Musikmachen ist ein kreativer Prozeß, und so müssen auch die Charaktere wenigstens für den Augenblick zusammenpassen. Hierzu habe ich einige Beispiele:
Dazu gehört m.E. auch das Vokabular. Es ist sehr schwierig, eine Gesangslinie zu “beschreiben” (ich bin – was den Gesang betrifft – zum Beispiel völlig unbedarft). Dies kann zu vielen Fehlversuchen führen, wenn ich eine “verzerrte” Stimme an einer bestimmten Stelle haben möchte. Dies ist eine Worterfindung von mir, mit dem die Sängerin damals nichts anfangen konnte. Sie kannte diese Technik als “anreißen”. Da erst mal auf einen gemeinsamen Nenner zu kommen, ist zeitintensiv. Dieser Punkt ist zwar kein Totschlagargument, aber wenn dieses intuitive Verständnis gegeben ist, macht es doch vieles einfacher.
Ein anderer wichtiger Punkt ist das Zusammenspiel der Kreativität: ich hatte mal einen Bassisten, der – was die Technik betrifft – die schwierigsten Sachen innerhalb kurzer Zeit spielen konnte. Wenn es aber darum ging, eine eigene Linie zu entwickeln war das (milde ausgedrückt) ein äußerst zäher Prozeß. In einem solchen Fall spielen meine eigenen konkreten Vorstellungen eine wichtige Rolle: wenn ich die Baßlinie schon am Keyboard eingespielt habe, und somit die Noten ausdrucken konnte, war der Mann perfekt.
Wenn es darum ging, eine vage Vorstellung umzusetzen (“Spiel doch mal langgezogene Töne, die das ganze etwas melancholischer machen”), dann endete das meistens mit Frust auf beiden Seiten. Das soll nicht heißen, daß dieser Bassist schlecht ist – im Gegenteil! In diesem Momnet haben wir nur unterschiedliche Vorstellungen von “langezogen” und /oder “Melancholie” – oder anders ausgedrück: wir sprechen nicht dieselbe Sprache.
Ein weiterer sehr wichtiger Punkt ist die Zuverlässigkeit: diejenigen, die dieses Blog hier regelmäßig lesen, haben vielleicht mitbekommen, daß die Wände zwischen den Proberäumen quasi aus Pappe bestehen. Wenn die Nachbarband probt, kann ich hier nicht aufnehmen.
Somit muß ich meine Aufnahmetermine mit den Kollegen nebenan absprechen. Das kann MAL schiefgehen, das ist kein Beinbruch. Wenn es aber zum Dauerzustand wird, daß meine Nachbarn einen Probetermin wegen mir umsonst verschieben, wird das eine ziemlich blöde Situation für mich.
Der andere Punkt ist, daß viele Spuren aufeinander aufbauen. Ich plane also erst den Percussionisten ein und anschließend die Sängerin. Da wir alle berufstätig sind und/ oder andere Bandprojekte haben, ergibt sich da schonmal ein sehr enger Zeitplan. Allle Termine unter einen Hut zu bringen ist nicht immer einfach. Wichtig ist für mich deshalb eine möglichst exakte Absprache. Die Termine der Gastmusiker greifen ineinander wie Zahnräder (je nach Aufnahmeort ggf. auch unter Berücksichtigung der Nachbarbands).
Auch wenn mehrere Leute zusammenspielen sollen, sind Verspätungen äußerst unpraktisch: trauriger Rekord waren bisher sieben Stunden, in denen fünf Leute auf einen warten durften.
Ich sage nichts bei einer halben Stunde Verspätung – im Stau stehen kann man immer. Aber auch Staus kann man an manchen Tagen quasi einplanen.
Dies alles sind Faktoren, die zusätzlich zu den Qualitäten als Musiker eine Rolle spielen.
Kommen wir zu dem absoluten “Stop-Kriterium”:
“Broken Spirits” ist MEIN Projekt. Dies war zu Beginn als Band geplant – mittlerweile ist es nicht nur mein Soloprojekt sondern mit der Zeit auch meine virtuelle Identität geworden (und das nicht nur durch dieses Blog). Mit dieser Entwicklung bin ich selber nicht hundertprozentig glücklich, aber es hat sich nun mal so ergeben.
Dies wirkt sich natürlich auch auf die Gastmusiker aus. Jeder Gastmusiker kennt dieses Blog und weiß auch, daß dieses Blog nur die Spitze des Eisberges ist. Dahinter steckt eine Menge mehr Arbeit, als hier nur einen Blogartikel zu schreiben oder die Playtaste zu drücken, wenn der jeweilige Musiker im Proberaum spielbereit ist. Aber letztendes wird mittlerweile mit jedem Song meine Meinung oder meine Sicht der Dinge wiedergegeben. Dies ist natürlich auch nicht immer kompatibel.
Diese Erfahrung ist nicht ganz einfach – ich durfte sie selber schon einigemale erleben: als Gastmusiker in anderen Bands. Es gibt ganz klare Anforderungen, diese können die eigenen Fähigkeiten übersteigen (guter Lerneffekt) und das Endergebnis – nun, man mag es oder nicht.
Meist ist (hoffentlich) ersteres der Fall.
Trotzdem: ich hatte meistens viel Spaß dabei, mich mit anderen Musikern auszutauschen. Wir haben viel gelacht, uns gefreut, wenn etwas so geklappt hat, wie es sollte und uns noch mehr gefreut, wenn etwas unerwartetes entstand. Und ich denke, daß ist das wichtigste: Spaß haben. Anders ergibt das keinen Sinn…