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Lebenszeichen aus dem Proberaum

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Artikel, die mit ‘Musik’ getaggt sind.







// Setzen, 6!

Dienstag, November 8th, 2011

Die Volksverblödungskiste lehne ich ja bekanntermaßen komplett ab. Manchmal bekomme ich aber doch etwas mit, was sich so allabendlich im Unterschichtenfernsehen abspielt. Und jedesmal kriege ich auf gut deutsch gesagt das große Kotzen.

Da gibt es also sogenannte Castingshows, die sich fernab jeder Musiker-Realität bewegen und mich jedesmal erfolgreich auf die Palme bringen, wenn ich sehe, nach welchen Kriterien ein Musiker “weiterkommt”.
Castings im Allgemeinen sind ja grundsätzlich nichts Schlechtes und finden mit schöner Regelmäßigkeit auch bei mir statt – nämlich immer dann, wenn ich mit einem Instrument nicht weiterkomme und die Hilfe eines Gastmusikers brauche.

Aber so, wie ich das bei Dangerblood lesen durfte, läuft das hier nicht ab.

In dem erwähnten Blogeintrag geht es um diesen Teilnehmer:

Herr Bohlen schwadroniert erst mal minutenlang über das Übergewicht und die Eßgewohnheiten des Teilnehmers.
Nun, im realen Proberaumalltag sind derartige Fragen nicht ungewöhnlich, beziehen sich aber meist auf Flüssignahrung. Schließlich ist nichts ärgerlicher, wenn während der Bandprobe plötzlich das Bier alle ist. Ein ausreichender Vorrat sollte bei solchen Treffen schon da sein und das fällt unter die Rubrik Supply Chain Management.

Mir stellen sich bei diesem Gefasel der Juroren zwei Fragen: sucht Herr Bohlen ein Model für angehende Schneiderkünste und will er Stoff sparen oder sucht er einen Sänger? Und: hat der noch nie etwas von großartigen Sängern wie Meat Loaf gehört?

Nach dem Song geht die inkompetente Kritik weiter. Wieder ist das Übergewicht ein Thema, aber es wird auch von allen drei selbsternannten Juroren kritisiert, daß der Song zu persönlich sei.

Gehts noch?! Ein Song sollte immer persönlich sein. Mir fehlt das Persönliche in dem Charteinheitsbrei. Letzlich werden die ganzen Songs nur von einer handvoll Leuten geschrieben und im Nachhinein wird das passende Gesicht (und nicht die Stimme) ausgesucht.

Wenn das Publikum am Ende des Auftritts Standing Ovations gibt, dann ist dies vielleicht zurecht? Weil jeder schon mal Ausgrenzung in irgendeiner Form erlebt hat und sich durch diesen Songtext angesprochen fühlt?

Wenn Herr Bohlen die persönliche Komponente kritisiert, beweist das nur eines: totale Inkompetenz. Spätestens nach den Standing Ovations hat der Mann den Knall nicht gehört.

Anstatt daß die selbsternannten Juroren wieder auf das Übergewicht eingehen, wäre ein Kommentar zur Gesellschaftskritik des Songtextes angebrachter gewesen. Stattdessen gutgemeinte Ratschläge und vermeintlich wohlwollende Ratschläge, die zwischen den Zeilen nur eines zum Ziel haben: den Kandidaten zur Sau zu machen.

An Lächerlichkeit kaum zu überbieten ist der Kritikpunkt, daß der Song zu “einfach gestrickt” sei. Gedanklich drängen sich mir ja so Titel wie “You’re My Heart You’re My Soul” oder “Cheri Cheri Lady” auf, die – milde ausgedrückt – sowohl harmonisch als auch rhythmisch ebenfalls extrem einfach gestrickt sind (und selbst da schafft es Herr Bohlen nicht, die Finger auf der Klampfe passend zum Playback zu bewegen – Modern Talking ist in dieser Hinsicht noch legendärer als Britney Spears, der während einer Show ein Bühnenscheinwerfer auf den Kopf fiel und der Gesang trotz Bewußtlosigkeit weiterging).
Wenn so eine Melodie aber aus der Feder des Herrn Bohlen kommt, dann heißt das “eingängig”. Bei einem Übergewichtigen wird da Kinderkram eines “Achtjährigen” draus. So kann man sich natürlich auch die Fakten zurechtdrehen.

Im Übrigen finde ich es ja schon rotzfrech (im positiven Sinne!), daß sich dieser Kandidat mit diesem Songtext in einer Castingshow vorstellt – besser kann man dieses abartige und menschenverachtende Fernsehformat vor laufender Kamera gar nicht kritisieren.

DAS ist Kunst und das Ziel ist erreicht: Herr Bohlen als einer der Motoren dieses Systems ist laut eigener Aussage “schlecht drauf”, wenn er diese “Betroffenheitsnummer” hört. Bohlens Daumen nach unten ist ein klarer Punktesieg für Torben :mrgreen:

Die Optik spielt hier im Proberaum übrigens keine Rolle: wichtig sind für mich neben dem Können auch “Softskills” wie Zuverlässigkeit, technisches Verständnis (Stichwort Kabelsalat), ein gutes Miteinander und Spaß an der Musik.
Die Erfahrung hat im Laufe der Jahre auch gezeigt, daß Sänger von kräftiger Statur meist auch eine kräftige Stimme haben. Was für mich das Abmischen nach erfolgreicher Aufnahme ungemein erleichtert.
Dieser Schlankheitswahn im Fernsehen ist völlig irrationaler und kontraproduktiver Wahnsinn, der der Musik langfristig mehr schadet als nutzt.

In allererster Linie zählt die Stimme. Sonst nichts.



// Und wieder eine Musikerin dahingerafft

Samstag, Juli 23rd, 2011

Auch wenn es sich hart anhört: “Selber schuld” kann ich da nur zum Tod von Amy Winehouse sagen.
Leider passiert das noch viel öfter im Kleinen und von der Öffentlichkeit vollkommen unbemerkt.

Ich weiß nicht, wie viele Kollegen, die allesamt begnadete Musiker waren, ich schon abstürzen sah. Immer waren Drogen im Spiel. Ich habe keine Ahnung, wie die Jungs und Mädels darauf gekommen sind, daß man unter Drogeneinfluß besser Musik machen kann, als ohne das Zeugs.

Ich hatte das einmal im Selbstversuch ausprobiert und ich habe nie einen größeren Scheißdreck zusammengespielt als unter Drogeneinfluß. Für dieses Experiment braucht man nicht einmal hochwertiges Equipment.

Tatsache ist jedoch, daß von den ganzen Drogisten heute keiner mehr Musik macht. Die Clique, in der ich mich bevorzugt aufgehalten habe, wurde zwar von denen immer belächelt, aber diese Witze wurden nur einige wenige Jahre gerissen.

Die Zeit war unbarmherzig auf unserer Seite. Den körperlichen und seelischen Verfall konnte ich in zu vielen Fällen beobachten. Im Endstadium gipfelte das in der totalen Unfähigkeit dieser ehemals begnadeten Musiker, das jeweilige Instrument auch nur ansatzweise zu beherrschen oder den Text und/oder den jeweiligen Instrumentalpart zu behalten, geschweige denn einen vernünftigen Auftritt hinzubekommen.

Danach wurde es still um die Kollegen…

 



// Unqualifiziertes Geschwafel

Sonntag, Juni 26th, 2011

 
Sobald man als Musiker mit seinen Songs aus den heimischen stillen Kämmerlein heraustritt, bekommt man es mit der Kritik zu tun.
 
Diese Kritik kann sachlich sein oder auch nicht, je nach Geschmack vernichtend, wohlwollend oder geradazu fanatisch. Dazwischen sind natürlich alle Abstufungen und/ oder Kombinationen möglich.
 
Am interessantesten finde ich immer die “vorsichtige Kritik”. Die erkennt man in der Regel daran, daß sie mit den Worten “ich habe ja keine Ahnung von Musik, aber…” beginnt.
 
Diese Einleitung halte ich zunächsteinmal glatt für gelogen: jeder Mensch (bis auf vielleicht ganz wenige Ausnahmen) hört Musik. Von keiner Ahnung kann also schon mal überhaupt keine Rede sein.
 

Musiker kritisieren anders als Musikhörer

 
Interessant sind die Unterschiede zwischen den Nicht-Musikern und den Musikern: die Erfahrung hat gezeigt, daß ein Musiker viel mehr auf die Aufnahmetechnik, das Timing und Verspieler achtet, die dem Musikhörer (wenn überhaupt) erst nach dem drölfzigsten Hören auffallen.
Achtet einmal darauf, wenn ihr bei einem Konzert seid: die Jungs, die (überspitzt formuliert) ganz vorne in der ersten Reihe mit verschränkten Armen stehen, sind meistens selber Musiker. Die bleiben selbst dann stehen, wenn die ganze Halle kocht, und schauen den Musikern auf der Bühne buchstäblich auf die Finger.
 
Ich bin da keine Ausnahme: seit ich Musik mache, ertappe ich mich selber immer wieder dabei, wie ich einen Song gedanklich auseinandernehme, auf Spieltechniken achte, die Rolle der jeweiligen Instrumente im Klanggefüge einsortiere oder die Bewegungsabläufe am Schlagzeug gedanklich durchspiele und, und, und. Ich nehme die Musik ganz anders wahr, als “Otto Normalverbraucher”.
 
Um Musik einfach nur unbeschwert genießen zu können, brauche ich mittlerweile ein paar viele Bier. Und irgendwann wird diese Unbeschwertheit unter diesen Voraussetzungen nahezu unmöglich aufgrund des fehlenden Aufmerksamkeitsvermögens.
 
Die Kritik eines Musikers kann noch so berechtigt sein (oft ist mir dieses Manko sogar selber von vorneherein bewußt): in vielen Fällen werde ich aufgrund meiner finanziellen Mittel wenig daran ändern können. Der nötige Unterricht oder das nötige Equipment sprengt einfach mein Budget.
 

Musik verstehen

 
Ein Satz, der bei mir immer zu einem Stirnrunzeln führt, lautet: “Ich verstehe diese Art von Musik nicht”. Dieser Satz fällt meistens von irgendwelchen überqualifizierten Freaks, denen eine überdurchschnittliche Allgemeinbildung überdurchschnittlich wichtig erscheint.
 
Was gibt es an Musik nicht zu verstehen? Ganz ehrlich: nicht nur ich schreibe meine Songs manchmal auch nur aus einer Schnapslaune raus.

Ich habe einfach Lust, Krach zu machen und aus diesem Krach einen Song zusammenzudengeln. Mehr nicht. Was es im Extremfall vielleicht wirklich nicht zu verstehen gibt, ist, wie ich zu diesem Zeitpunkt, als die erste Songidee entstand, überhaupt soviel Bier trinken konnte.
Das ist wirklich so banal.
 
Ein Song gefällt oder eben nicht. Im ersteren Falle spricht mich dieser Song an und “bringt in mir eine Saite zum Schwingen”. Das kann völlig von der aktuellen Tageslaune abhängig sein. Eigentlich ganz einfach, oder? Zu “verstehen” gibt es da nicht viel.
 
Natürlich regt der ein oder andere Song zum Nachdenken an oder “trifft die Stimmung”. Die Ergebnisse des Nachdenkens? Oder der jeweiligen Tageslaune? Von Mensch zu Mensch verschieden.
Da wird nach Herzenlust rein- und ruminterpretiert und das, was manche Leute zu hören glauben, hat überhaupt nichts mit der Situation zu tun, in der ich den betreffenden Song geschrieben habe. Von “verstanden” kann in diesem Fall überhaupt keine Rede sein – für mich als Musiker bzw. Songwriter ist das gewissermaßen natürlich ‘ne glatte 6 – Thema verfehlt.
Trotzdem fanden die gleichen Leute diese Songs gut und das ist mindestens ‘ne 2 (wenn man jetzt unbedingt Schulnoten als Maßstab verwenden möchte). Und was fange ich nun mit dieser Aussage an?
 

Das “unqualifizierte Geschwafel”

 
Von allen Formen der Kritik ist mir das “unqualifizierte Geschwafel” mittlerweile am liebsten, da diese Kritik die erfolgsversprechendsten Denkanstöße enthält.
 
Diese Kritik basiert nämlich stark vereinfacht gesagt auf genau einem einzigem Kriterium:
 
Einen guten Song erkennt man daran, daß die Mädels mit dem Arsch wackeln. Die Jungs finden diesen Song dann automatisch gut.
 
 



// Was braucht man zum Musikmachen?

Montag, März 28th, 2011

Auf Twitter hatte ich am Sonntag abend eine kurze aber doch interessante Diskussion zu dieser Frage.

Ehrlich gesagt hat mich das Anspruchsdenken an das Equipment etwas erschüttert. Oder ich behaupte einfach mal, daß es in dieser Diskussion gar nicht um das Musikmachen an sich ging, sondern vielmehr um die Anschaffung von Statussymbolen.

In den Jahren, in denen ich aktiv Musik mache, habe ich viele Leute erlebt, die durchaus überdurchschnittlich talentiert waren. Einige davon haben mir Gitarrenakkorde beigebracht, die ich aus anatomischen Gründen zunächst einmal für unmöglich hielt. Da war also durchaus einiges an Wissen und Können da und dieses Talent hätte auch verwendet werden können.

Was mich immer überrascht hat, war die Tatsache, daß diese Leute zwar gerne mal bei mir im Proberaum auf ein Bier und eine Jamsession vorbeikamen aber ansonsten ihr Talent brachliegen ließen.

Oft diskutierten wir bei einem Bierchen, warum dies so ist. Die Antwort war eigentlich bei allen Leuten unabhängig voneinander die gleiche: Das Equipment fehlt / kann ich mir nicht leisten / habe ich keinen Platz für / ich habe keinen Ort, an dem ich Musik machen kann. Sowas ist einfach nur traurig.

Meine Antwort war und ist eigentlich immer die gleiche und die hat sich über die Jahre auch nicht geändert:

Du hast Deinen Arsch, Deine Finger und Dein Equipment. Also setze Dich hin und mach was draus.

Ganz klar: hochwertiges Equipment ist eine tolle Sache und man kann jahrzehntelang daraufhin sparen. Gleichzeitig macht man in diesen Jahrzehnten auch nichts anderes als sparen. Musik jedenfalls nicht. Das hat keiner von denen reglmäßig gemacht, die bei mir auf ein Bier und eine Jamsession zu Besuch kamen oder kommen. Mehr als diese Jamsession lief nicht. Kein einziger eigener Song und keine einzige Anschaffung, die die Leute auch nur einen Millimeter näher and das Ziel “Musikmachen” gebracht hätte.
Denn meistens wurde das gesparte Geld im gleichen Jahr für das Auto, den Urlaub ausgeben oder bereits bis zum Monatsende gleich versoffen. Versteht micht nicht falsch: das ist ok. Jeder darf so leben, wie er mag. Jeder darf auch träumen – das tue ich auch.

Man muß auch erst Blut lecken.

Denn dann fällt die Sparerei und die damit verbundenen Einschränkungen auch leichter.
Bevor es soweit ist, ist in meinen Augen eigentlich das wichtigste: anfangen! Das Equipment ist zunächst mal scheißegal.

Es ist gut, wenn man ein Ziel hat, auf das man hinarbeiten kann; ein Ziel, das einen motiviert, weiterzumachen. Aber ohne diesen alles entscheidenden Anfang läuft gar nix.
Für diesen Anfang tut es auch eine E-Gitarre für 250 Euro und ein gebrauchter Transistorverstärker. Da hat man nichts hochwertiges, aber zumindest mal etwas halbwegs solides, mit dem man erstmal arbeiten kann. Diese 250-Euro-Gitarre wird mit Sicherheit keine Freundschaft für’s Leben und vielleicht ist es auch schlicht die falsche.

Die 3000-Euro-Traum-Gitarre kommt erst mit der Zeit (und erst mit der Zeit weiß man auch, welche das ist). Diese Anschaffung lohnt sich auch nur, wenn man schon ein paar Akkorde beherrscht und etwas tiefer in die Materie eingestiegen ist.

Statt einem Strat-Nachbau wäre vielleicht eine Paula-Kopie die bessere Gitarre. Wer weiß das schon, wenn man direkt am Anfang steht? Und wer beschäftigt sich mit solchen Fragen, der noch keine Ahnung von der Materie hat? Wer kennt schon den Unterschied zwischen Humbuckern und Singlecoils? Oder im Falle eines Baßes den Unterschied zwischen aktiven und passiven Tonabnehmern? Wer weiß am Anfang, ob ein Sampler oder Masterkeyboard die richtige Kaufentscheidung ist? Wer kennt die damit verbundenen Folgeanschaffungen und -Kosten?

Wichtig ist nur eines: anfangen. Egal wie. Der Rest kommt von alleine und wird sowieso meistens etwas anders als ursprünglich gedacht. Ein Hobby braucht auch Luft zum Atmen und Raum zur Veränderung.

Zu meiner Anfangszeit habe ich zum Beispiel von einer Band geträumt. Heute wäre dieses Konzept auch das völlig falsche Vehikel für meine Ideen oder Vorstellungen und die Ausstattung meines Proberaumes wäre heute auch eine ganz andere, wenn ich hier mit einer kompletten Band proben würde. Da bin ich also deutlich abgewichen von meinem ursprünglichen Plan.

Musik mache ich trotzdem fast jeden Tag – obwohl die gesamte Duchführung überhaupt nichts mehr mit der Ursprungsidee zu tun hat. Meine Prioritäten haben sich im Laufe der Zeit geändert. Genau wie die meiner Mitstreiter aus den Anfangstagen. Die machen heute alle keine Musik mehr – oder kommen bei mir auf ein Bierchen oder Jamsesseion vorbei. Allerdings haben die meisten von denen nicht “angefangen” – die sind irgendwelchen Träumen hinterhergejagt und haben diese nie erreicht oder unterwegs gefrustet aufgegeben oder haben irgendwann festgestellt, daß die Musik doch nicht das richtige Hobby ist.

Für mich sind solche teuren Anschaffungen vor dem Anfang eher Beschaffungsmaßnahmen von Statussymbolen. Damit man was hat, um anzugeben, wenn man in einer Band vorspielt oder wenn Besuch kommt. Die Finger waren aber bei so einem Casting im Proberaum schon immer wichtiger als der Inhalt des Gitarrenkoffers.

Ich glaube, daß sich das nicht nur auf die Musik bezieht. Der gleiche Gedanke läßt sich vermutlich auf jedes Hobby (sei es die Fotografie, ein Oldtimer zusammenbasteln, was auch immer) übertragen. Wie seht Ihr das?



// Von wegen “underfucked”

Sonntag, März 13th, 2011

Die Tatsache, daß man beim Musikmachen jede Menge Kalorien verbraucht, überrascht mich nicht besonders. Dazu bin ich einfach zu fertig und ausgelaugt, wenn ich eine ganze Nacht im Proberaum die Kuh fliegen lasse.

Ebenso wenig überraschend sind die Unterschiede zwischen den einzelnen Instrumenten: ein Schlagzeuger verbrät wesentlich mehr Kalorien als zum Beispiel ein Bassist. Das ist einleuchtend (und nur um mal wieder die Bassisten zu bashen: die bewegen sich sowieso selten bis gar nicht :mrgreen: )

Was ich überraschend fand, ist die Tatsache, daß jedes Instrument, das ich spiele, mehr Kalorien verbrennt als eine Runde Sex über den gleichen Zeitraum.

Ich habe das einmal spaßeshalber als Tortendiagramm dargestellt:

Diagramm: Musikmachen verbrennt mehr Kalorien als Sex

Hier die Zahlen:

Schlagzeug spielen: 477 kcal
Gitarre spielen, stehend: 358 kcal
Klavier oder Orgel spielen: 298 kcal
Sex aktiv: 179 kcal

Die Berechnungsgrundlage des Kalorienverbrauchs in dem Diagramm sind jeweils auf zwei Stunden, mein Alter, Körpergröße und Gewicht bezogen.

Nun wundert mich mein BMI von deutlich unter 20 und der Kohldampf nach bzw. während einer Aufnahmesession gar nicht mehr…

Wer nun glaubt, unbedingt abnehmen zu müssen, weil der Schönheitswahn dies so verlangt, sollte also ein Instrument erlernen. Ein heißer Tip: Mit dem Schlagzeug geht’ s am schnellsten. (Das ist auch für uns Musiker gut, denn gute Schlagzeuger sind schwer zu finden. Vielleicht sorgt dieser Blogeintrag ja für einen Schlagzeuger-Boom.)

Übrigens: vor unfreiwilligen Alimente-Zahlungen schützt diese Taktik auch. Das gesparte Geld geht aber teilweise für die Proberaum-Miete drauf. Diese ist aber langfristig trotz allem billiger als so eine Rotz-Blage.

Wenn Ihr selber einmal diverse Aktivitäten, denen Ihr im Laufe eines Tages so nachgeht vergleichen möchtet, könnt Ihr dies hier tun.
Leider sind nicht alle Freizeitaktivitäten aufgelistet: Fernsehgucken ist zum Beispiel nicht dabei. Chronische Couchpotatoes dürfen sich also weiterhin während der obligatorischen Werbepause, die die viertklassige Volksverblödung unterbricht, auf’s Klo begeben anstatt ihren Kalorienverbrauch zu berechnen.

Ich mache jetzt in der Session-Pause ersteinmal ungestraft die erste Kalorienbombe dieser Nacht auf. Wegen einem Bierbauch brauche ICH mir ja jetzt keine Sorgen mehr machen: meine Kalorien-Bilanz schreibt nämlich wieder einmal dunkelrote Zahlen… :mrgreen:



// Eine Sensation des Fortschritts

Dienstag, Februar 1st, 2011

Ich kann ja mal nur wieder die Hände über dem Kopf zusammenschlagen, was im Fernsehen als eine “süße Geschichte” verkauft wird. Eigentlich bin ich ja froh, daß ich keine Glotze habe, dank Twitter und Co entgehen mir aber die medialen Ereignisse (leider) doch nicht. Beim Dschungelcamp durchaus katastrophal – denn dieser bildungsferne Unterschichtenscheiß interessiert mich überhaupt nicht.

Etwas größer – aber immer noch verschwindend gering – ist das Interesse bei Musikereignissen wie der Euro-Vision-Songcontest. Ab und zu lese ich mal was darüber und lese auch mal einen Artikel zuende. Und manchmal muß ich lachen, z.B. wenn der dritte Song von Lena mit einer “ganz, ganz süßen Geschichte” angepriesen wird.

Da darf man doch mal gespannt sein… und was ist? Die zwei Komponisten sitzen an verschiedenen Stellen dieser Kugel, auf der die Menschheit ihr süßes Dasein fristet. Und dann gibt es Internet und Videochats. Und man kann trotz dieser unglaublichen Entfernung von 8750 km Songs zusammen schreiben. Über Videochat.

DAS ist natürlich eine ganz neue Erfahrung. So haben wir auf MySpace und einschlägigen Musikerforen noch nie Musik gemacht. Darauf hätten wir einmal kommen müssen. Die Geschichte ist so süß, daß mittlerweile in mindestens zweihundertdrölfzig Proberäumen weltweit die Eierkartons an der Proberaumdecke durch Zuckerstalagtiten ersetzt worden sind. Ein Internetzugang gehört nämlich seit mindestens drei Jahren zum Proberaumstandard.

Die HüpfHopser, die in Sachen technischer Entwicklung meistens etwas schneller sind, als die anderen Musiker, machen das schon seit Ewigkeiten so; das hat sogar den Vorteil, daß sie auch mit anderen Musikern in Kontakt kommen. Wenn auch nur kurz: bei der ersten Beleidigung werden sie weggeklickt. Da macht die Zusammenarbeit mit den HüpfHopsern sogar fast Spaß.

In der Realität außerhalb des Flimmerkastens ist aus der Zusammenarbeit über das Internet schon fast nicht mehr wegzudenken. Gerade für die Einzelkämpfer, die im stillen Kämmerlein Songs schreiben und sich bei Bedarf Unterstützung holen, ist diese Vorgehensweise mittlerweile völlig normal und selbstverständlich. Hin und wieder hört man auch von unvollständigen Bands, die sich ihre fehlenden Musiker über Skype wenigstens vorsortieren. Da gibt es dann eben mal eine Jamsession über Skype für die Vorauswahl. Die zweite Runde findet dann im Proberaum statt. Und spätestens seit die Gastmusiker für die Anfahrt das Spritgeld zurückerstattet wollen, läuft das bei mir sowieso nicht anders: erstmal wird über Videochat gejammt, und erst dann treffen wir uns für die Aufnahme im Proberaum (sofern das aufgrund der Entfernungen überhaupt möglich ist). Einige Gastmusiker “kenne” ich schon seit Jahren und habe sie noch nie im Reallife gesehen. Oder ich war bei irgendwelchen Bands in einem Kuhdorf hinter Timbuktu als Gastmusiker tätig. Meine Geographie-Kenntnisse haben sich jedenfalls seit einigen Jahren vergrößert.
Und bevor jemand fragt: ja, wir zeigen uns unsere Proberäume auch auf Googlemaps oder laufen mit der Webcam durch den Proberaum, um über das Equipment zu fachsimpeln. Das haben die Macher dieser Sendung nämlich vergessen zu erwähnen.

Hier kann man sich die ganz, ganz süße Geschichte angucken.

(im Übrigen bezweifle ich, daß das auch für die beiden Komponisten eine neue Erfahrung war, auf diese Art und Weise einen Song zusammen zu schreiben – aber das wäre ja für die Glotze zu langweilig.)



// Man wird nicht jünger

Sonntag, Mai 30th, 2010

Es gibt Berufskrankheiten, um die man nicht herumkommt. Bei Musikern sind das hauptsächlich “Tinnitus aurium” (lat.: „das Klingeln der Ohren“) und Sehnenscheidenentzündungen.

Der Tinnitus ist nicht nur auf Rockmusiker beschränkt, er macht auch vor klassischen Instrumentalisten nicht halt: die meisten Geiger werden früher oder später auf dem linken Ohr schwerhörig – auch so eine Geige hat einen recht hohen Schalldruck und das ohne elektrische Verstärkung. Stradivari und Co. haben sich schon was dabei gedacht, wie sich “ihr” Instrument im Orchester durchsetzen kann ;-)

Sehnenscheidenentzündungen betreffen eigentlich alle Musiker – erfordert doch jedes Instrument eine strapaziöse Handarbeit.
Was auf der Bühne so locker aussieht, erfordert jahrelanges Training und noch mehr Selbstdisziplin. Für nicht jede Handübung, die die Muskulatur trainiert oder die Sehnen geschmeidig hält, braucht man ein Instrument. All das kann man auch “trocken” trainieren, z.B. während man auf den Bus wartet oder im Bus von A nach B fährt, in Wartezimmern beim Arzt oder Amt sitzt oder während einer Kaffeepause.

Das Wichtigste ist jeoch immer, daß es nie wehtun darf, wenn man ein Instrument spielt. Egal, was der Musiklehrer behauptet. Und es zeichnet einen Musiklehrer aus, der mal nicht auf die Finger guckt, sondern auch überprüft, ob das Gesicht gerade schmerzverzerrt ist. Oftmals ist das wichtiger, den jeder Schüler ist manchmal etwas zu ehrgeizig – alles andere wäre ja auch traurig… ;-)

Heutzutage ist es kein Problem, eine Kamera (jede Digicam kann das schon seit geraumer Zeit) vor dem Schüler aufzubauen. Für gute Musiklehrer gehört das mittlerweile zum Standardprogramm und diese Musiklehrer schauen sich das Video auch mal in ihrer “Freizeit” an und analysieren die Bewegungsabläufe.
Das ist dann eine Vorbereitung auf die nächste Unterrichtsstunde, in der das Video zusammen mit dem Schüler durchgegangen wird und ggf. auf Haltungsfehler hingewiesen wird.

Natürlich gibt es auch unter den Musiklehrern “schwarze Schafe” die dann einem Schüler auch mal so Sprüche drücken wie:

“Das muß am Anfang weh tun, das war bei mir genauso.”

oder:

“Da mußt Du durch, das gibt sich mit der Zeit”

Solche Sprüche hört man z.B. als Gitarrist spätestens bei den Barreegriffen.

BLÖDSINN!!!

Tretet solche selbsternannten Lehrer SOFORT in die Tonne!
Diese Brüder richten mehr Schaden an als Nutzen.

Ein absoluter Sechser im Lotto ist natürlich der musikbegeisterte Orthopäde, der mit einem Musiklehrer einen Workshop veranstaltet. Da lernt man richtig viel über richtige Körperhaltung und das Instrument selber. Wer diese Möglichkeit nicht hat, sollte spätestens bei einer Überweisung zum Orthopäden die Musik ansprechen. Wenn die Zeit da ist, helfen und beraten die Ärzte auch gerne und bereitwillig (das marode Gesundheitssystem läßt an dieser Stelle aber leider grüßen….)

Trotzdem: eine Sehnenscheidenentzündung ist eine Berufskrankheit – man kann sie nur schwer verhindern und nur konsequent von Anfang an hinauszögern. Unter Musikern heißt es: “Wer sie einmal hat, bekommt sie immer wieder”…
Es ist nicht die Frage, OB man sie bekommt, sondern WANN.

Dies hier ist weder eine medizinische Beratung noch eine Anleitung, wie man am besten ein Instrument erlernt. Es sind einfach nur einige Erfahrungen, die ich im Laufe der Jahre gemacht habe. Manche haben geholfen, manche nicht. Dennoch: mit Mitte 30 bin ich mit meiner ersten Sehnenscheidenentzündung vergleichsweise spät dran – so verkehrt kann das alles also nicht sein. Der Bequemlichkeit halber begründe ich das nun mal mit “Man wird halt nicht jünger”.

Trotzdem gibt es aber auch einige Musiker, die wesentlich älter sind als ich und diese Probleme nicht haben.
Nach mehr als 11 Jahren fast täglichen intensiven Krachmachens auf mehrerern Instrumenten hat es nun mich Autodidakten, der sich diese Erkenntnisse und Infos mühsam zusammengesucht hat, erwischt.
Da geht noch was für diejenigen, die gerade anfangen Musik zu machen. Schont Eure Gichtgriffel – es ist äußerst nervig, wenn man Musik machen will und dies nicht tun sollte… ;-)