// Musikalische Enklave
Wie sich mittlerweile in Klein-Bloggersdorf herumgesprochen haben düfte, besitze ich keinen Fernseher.
Nun gibt es aber durchaus einige Fernsehsendungen, die die Musik betreffen.
Richtig: ich rede von Castingshows.
Ganz spurlos gehen diese Formate nicht an mir vorüber. Zum einen werden diese Sendungen in der Szene teilweise sehr kontrovers diskutiert, zum anderen betrifft mich das auch selber – nämlich immer dann, wenn ich eine Sängerin oder einen Sänger suche.
Auch wenn ich nie eine solche Castingshow gesehen habe, bin ich dank meines sozialen Umfeldes recht gut informiert, was da “gerade so abgeht”.
Dachte ich.
Was ich auf jeden Fall feststellen konte, war der qualitative Niedergang der Gastsänger(innen). Wenn ich jemanden aus der Gesangsfraktion suche, interessiert mich natürlich, was die betreffende Person bisher “vom Stapel gelassen hat” – immer öfter werden auch Aussagen getroffen wie:
“Ich habe mich bei $bekannte_Castingshow beworben und bin zum Re
^ncall eingeladen worden”
Klingt toll, oder?
Nunja, in der Praxis sieht das leider geringfügig anders aus und inzwischen ist für mich die Erwähnung eines Recalls ein Totschlagargument: diese Sängerinnen konnten meist mehr schlecht als recht singen. Der wackelnde Arsch war zwar zugegebenermaßen hübsch anzusehen – aber was nutzt das, wenn dabei mal eben locker-flockig mit einem gekonnten Hüftschwung die Gitarre aus dem Gitarrenständer gefegt wurde?
Zweifel machten sich also seit dem Aufkommen der ersten Castingshowstaffeln recht schnell breit…
Ich habe nie verstanden, wieso solche Leute zu einem Recall eingeladen werden.
Dieses Rätsel wollte ich also lösen – und da gibt es ja seit einigen Wochen ein Buch zu: Sex, Drugs & Castingshows.
Beworben wird dieses Buch als “Insiderbericht” – die Autoren Markus Grimm und Martin Kesici beschreiben die Vorgänge hinter den Kulissen einer Castingshow.
Dies soll keine Buchrezension werden (ich habe dieses Buch auch erst seit gestern Mittag und bin gerade mal auf Seite 87) – soviel kann ich aber sagen:
In einem sehr lockererem Schreibstil werden die Erlebnisse, die nicht im Fernsehen zu sehen waren, selbstkritisch beschrieben.
Einige “Anekdoten” (BLÖD-Artikel, etc.) sind mir aber noch in Erinnerung: das Drogengeständnis des einen Autoren zum Beispiel sorgte doch für einiges Gelächter hier in der Szene. BLÖD fragte damals am 21. Juli 2003, ob “so einer” überhaupt Superstar werden dürfe.
Einige wenige Castingopfer, die in diesen Shows vorgeführt wurden, werden erwähnt. Ich fand es zu leicht, diese Leute zu ergoogeln – auch wenn dieser Kritikpunkt der Autoren absolut gerechtfertigt ist, fände ich eine umfassendere Anonymisierung angebracht (immerhin führte der für mich naheliegenste Suchbegriff nicht zu den gewünschten Treffern).
Tja, ich kannte diese TV-Formate bisher nur vom Hörensagen.
Meinen Fernseher habe ich vor mittlerweile fast dreizehn Jahren unehrenhaft entlassen. Einer der Gründe war das sinkende Niveau (selbst die “Institution” Tagesschau, die ich vor etwas mehr als einem Jahr das letzte Mal bei Verwandten gesehen habe, setzt offenbar mehr und mehr auf auslaufende Gehirnmasse, die im blutgetränkten Erdboden vertrocknet).
YouTube hilft aber, wenn man ein medientechnisches Update braucht – leider.
Denn diese Ausschnitte aus den Castingshows, die dort zu finden sind, schlagen jedem Faß den Boden aus.
Ich habe gestern abend das erste Mal mit etlichen Jahren Verspätung “Reality-TV” gesehen. Daß das Niveau des Fernsehprogramms nach unten geht, war schon vor fast dreizehn Jahren abzusehen. Aber das habe ich erhrlich gesagt nicht erwartet. Hilflose Menschen, die diese ganze Maschinerie nicht verstehen, werden dort einem großen Publikum vorgeführt.
“Hilflos” – so wird das von einem der Autoren genannt. Zurecht.
Dieter Bohlen kann sich selber gut vermarkten und das kann oder darf man auch respektieren.
Wenn Dieter Bohlen aber zu einem Hungerhaken sagt
“(…) Du siehst gut aus und hast auch eine schöne Stimme (…) Du bist eine Runde weiter!”
(Anmerkung: laßt Euch diese Reihenfolge auf der Zunge zergehen!)
disqualifiziert er sich in meinen Augen als Musiker selbst: das Instrument eines Sängers ist die Stimme. Und jedes Instrument braucht auch einen geeigneten Resonanzkörper.
Die besten Sängerinnen, die ich entweder auf Konzerten hörte oder mit denen ich zusammengearbeitet habe, hatten “ein paar Pfunde zuviel”.
Als Faustregel gilt (und das ist mittlerweile von mir mehrfach verifiziert):
BulemieSchönheitswahnopfer haben nur bei Bundestagswahlen eine Stimme.
Das erklärt wohl auch den oben erwähnten Qualitätsabfall der Gesangesfraktion (jede Frau, die glaubt, einigermaßen ansehnlich mit dem Arsch wackeln zu können, glaubt mittlerweile auch automatisch singen zu können) und es verdeutlich wohl auch, wie durch solche Sendungen die Musik systematisch kaputtgemacht wird.
Wie soll ich so einer Recall-Heulboje erklären, daß sie für mich als Hobbymusiker (!) zu schlecht ist?
Ich hatte hier mehrfach Sängerinnen, die sich was-weiß-ich-was eingebildet haben.
Ich habe hier Bewerbungsunterlagen (kein Witz) liegen, die man eher in einem Personalbüro einer großen Firma vermuten würde. Es ist alles dabei: künstlerischer Lebenslauf, Demo-CD (ok, das ist interessant), Sedcard (natürlich 90-60-90), vergoldete Visitenkarten, und und und.
Keine dieser hochtrabenden “Bewerbungen” hat gehalten, was sie versprochen hat. Keine einzige.
Ich will die Stimme, die Kreativität, ein normales Miteinander und Zuverlässigkeit. Sonst nichts.
Hüpfdohlen haben hier nichts verloren. Die zertrümmern mir im ungünstigsten Fall die Instrumente.
Eine Sängerin gab es, deren Wege die meinen mit schöner Regelmäßigkeit gekreuzt haben: Sie stellte sich hier als Sängerin vor und ging genauso schnell wieder. Die Frau eines Gastmusikers war ihre Gesangslehrerin. Die letzten Jahre, in denen ich ihren Werdegang verfolgt habe, zeichnen sich wohl (dem Hörensagen nach) durch zwei Nervenbündel aus: einmal die Sängerin, die wegen der Anforderungen der Gesangslehrein ständig den Tränen nahe war und der Gesangslehrerin, die wegen “fehlenden Talent” regelmäßig verzweifelte.
Aus der Sängerin ist etwas geworden: sie singt heute – 12 Jahre später – Opern und Musicals. DAS ist die harte Realität – eine Castingshow stellt dies so dar, als ob das alles mit einigen Workshops, Mottoshows und ‘ner Jury mit beleidigenden coolen Sprüchen nach wenigen Wochen erledigt ist. Das kann natürlich jeder schaffen…
Kleine Randnotiz zum Abschluß: ich bin normalerweise sehr linkfreudig. In diesem Posting habe ich aber aus naheliegenden Gründen weitgehenst auf eine weiterführende Verlinkung verzichtet.
Einen Link möchte ich Euch dennoch nicht vorenthalten: Endemol – dieser Artikel aus dem Jahr 2000 hat zwar wenig mit Musik zu tun, zeigt aber doch recht anschaulich, wie die Fernsehmacher seit neun Jahren (!) “ticken”…
Im Proberaum notiert am 27.11.2009 um 7:50 am und in der Ablage Off Topic abgeheftet.
(c) by Broken Spirits